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Ralf Rothmann: „Shakespeares Hühner“ : Maus, wo ist dein Ohr, Tod, wo ist dein Stachel?

Seine Themen sind Außenseitertum und Scheitern, Sehnsucht, Liebe, Einsamkeit und Tod: Ralf Rothmann, Jahrgang 1953 Bild: ddp

Als wohnte in jedem Herzen die Ahnung der Liebe und das Echo des Endes: Ralf Rothmann erweist sich mit seinem Erzählungsband „Shakespeares Hühner“ als Meister des schwerelosen Pathos.

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          Wie fühlt sich eine Maus, mit der die Katze ihr grausames Spiel treibt, eine Maus, die zuerst den Schwanz verliert, dann ihre Ohren einbüßt, die winzigen Mäusekrallen, das Näschen und am Ende das ganze kleine graue Fell? Wir können es nicht wissen, aber wir können versuchen, das, was wir nicht wissen können, in Worte zu kleiden. Wem es gelingt, ist ein Dichter.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Ralf Rothmann, der gern von Tieren spricht, um von Menschen zu erzählen, handelt in seinen Büchern fast immer von dem, was wir nicht wissen können, von den Mysterien der Liebe und des Todes vor allem, und davon, wie beides zusammenhängt und manchmal sogar in einem Einklang zu stehen scheint, den man weder sehen noch hören kann, den Rothmann aber doch zu beschreiben weiß, weil er Worte und Bilder dafür findet. Etwa, wenn das unerfüllte Begehren, die Sehnsucht und die Einsamkeit eines Heranwachsenden dazu führen, dass dieser im Herzschlag der schlafenden Frau in seinen Armen einen Doppelschlag verspürt, „als wäre da noch ein Puls unter ihrem Puls, ein zarterer, und auch der schien ein leises Echo zu haben“.

          Auch der Schnee hat ein Gedächtnis

          Zuvor hatte der Ich-Erzähler der letzten der acht Erzählungen dieses Bandes daran gedacht, dass er am nächsten Morgen wieder würde Schnee räumen müssen. Ein prosaischer Gedanke. Bei den meisten anderen Autoren wäre er nur das offensichtliche Signal dafür, dass das Abenteuer, das keines war, nun vorüber ist und Alltag und Routine sich fordernd zurückmelden.

          Der Ich-Erzähler und sein Freund Lars haben in einer Kneipe zwei junge Frauen aufgegabelt und in die schicke Ferienanlage mitgenommen, in der die Mutter des Erzählers als Hausmeisterin arbeitet und ihr Sohn, ein arbeitsloser Fliesenleger mit abgebrochener Lehre, ihr zur Hand geht. Aber während Lars und die hübsche Aischa sich in ein frisch bezogenes Gästebett stürzen, hält Marlies den Jungen auf Distanz, die sie erst aufgibt, als sie ihm klar gemacht hat, dass ihr nach einer Liebesnacht nicht zumute ist, weil sie gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Und so fügt sich der schüchterne, an Niederlagen gewöhnte Ich-Erzähler in sein Schicksal: Die schlafende, vollständig bekleidete Marlies im Arm, die nackte, vor Lust stöhnende Aischa im Nebenzimmer, denkt er an den nächsten Morgen und den Schnee, den er wird räumen müssen wie schon so oft zuvor. So könnte die Geschichte ihr Ende finden, wenn ihr Autor nicht Ralf Rothmann hieße.

          Rothmann lässt nun noch drei kurze Absätze folgen, nicht mehr. Darin erinnert sich der Erzähler daran, wie er als Kind entdeckt hat, dass auch der Schnee ein Gedächtnis besitzt. Denn die Spuren der Tiere, die mit jedem neuen Niederschlag zu verschwinden scheinen, werden im Schnee bewahrt und treten wieder zutage, wenn es taut, Schicht um Schicht: „Sogar in der letzten glasigen, kurz bevor das fahle Gras erscheint, oder die eine oder andere Krokusspitze, erkennt man die Tritte von Hirschen, Vögeln oder Hasen, die vor Monaten dort gegangen waren und längst woanders leben. Oder längst tot sind.“

          Rothmanns Universum scheint beherrscht von Wiedergängern

          Und so, mit der Hand auf dem Herzen der Schlafenden, und dem Gedanken an die Spuren, die tote Tiere im Schnee hinterlassen haben, der erst in jenem Moment offenbart, dass er ihre Tritte bewahrt hat, in dem sie im Tau endgültig verloren gehen, spürt der Junge den Puls unter dem Puls, als wohnte in jedem Herzen immer schon das Echo des Todes.

          Acht Erzählungen versammelt dieser Band, die kürzeste gerade einmal acht, die beiden längsten fast vierzig Seiten lang. Die Themen sind die alten Rothmann-Themen von Außenseitertum und Scheitern, Sehnsucht, Liebe, Einsamkeit und Tod. In ihrer Variation zeigt sich indes nicht Stagnation, sondern wahre Meisterschaft. Rothmanns Universum scheint beherrscht von Wiedergängern: einsilbige Bergleute und zotige Arbeiter; eigensinnige, lebenshungrige Frauen, die ihr Milieu abstreifen wollen wie ein abgetragenes Kleid, dass ihnen weder passt noch steht; Heranwachsende im Kleine-Leute-Milieu, die mit feinstem Sensorium erotische Signale auffangen und zu entschlüsseln versuchen, als hätten sie es mit Hieroglyphen zu tun. Aber im neuen Band kommen auch neue Milieus hinzu, neue Figuren und mit ihnen neue Perspektiven.

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