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Ralf Rothmann: „Shakespeares Hühner“ : Maus, wo ist dein Ohr, Tod, wo ist dein Stachel?

„Die Wahrheit liegt woanders“

Für „Othello für Anfänger“, der Erzählung, in der Shakespeares Helden und Hünen mit den titelgebenden Hühnern des Dramatikers verwechselt werden, schlüpft Rothmann in die Haut einer jungen Ich-Erzählerin, die im Schultheater die Desdemona spielte, sich zu ihrer Verblüffung auch jenseits der Bühne in den Armen einer leidenschaftlich-besitzergreifenden Othello-Darstellerin wiederfindet und sich im gemeinsamen Urlaub mit dem eifersüchtigen Tomboy zu einer Kneipenbekanntschaft flüchtet, einem jener schüchternen jungen Burschen, aus deren Perspektive Rothmann schon so oft erzählt hat.

Um gleichgeschlechtliche Liebe geht es, zumindest am Rande, auch in „Der Hunger der Vergesslichkeit“, einer Erzählung, in der es einen Bauleiter von Düsseldorf nach Berlin verschlägt, wo er in der Remise neben dem Haus seiner alten Tante unterkommt, die im Gegensatz zum Rest der Familie nach Kriegsende nicht in den Westen gegangen war, sondern im Osten Berlins geblieben war - der Liebe wegen. Nun findet ihr nicht mehr ganz junger Neffe nach Karriereknick, Scheidung und Zwangsversteigerung der Düsseldorfer Villa hier nicht nur einen Liebhaber, sondern er lernt einen jener Greise kennen, die sich bis zum letzten Atemzug an ihre Ideologie klammern, unverbesserlich, starrköpfig, stolz und nicht ohne Würde. Das historische Werk, an dem der alte Mann mit dem Eifer und der Genauigkeit des peniblen Buchhalters schreibt, erweist sich am Ende als pure Geschichtsfälschung in eigener Sache. Es ist eines jener Luftschlösser, von denen es in der Erzählung einmal heißt, auch sie bedürften einer Statik. Da ahnt der Architekt und Bauleiter noch nicht, dass er es in dem Alten mit einem gewieften Apologeten der eigenen Lebenslügen zu tun hat, der Rothmanns poetisches Credo indes ohne jedes Zögern unterschreiben würde: „Fakten sind bestenfalls die Wirklichkeit; sie mögen hart oder unumstößlich oder nicht von der Hand zu weisen sein, aber am Ende kühlen sie einen aus. Die Wahrheit liegt woanders.“

In kühler Pathologie als warmherziger Dichter

Von der Wirklichkeit und ihren Fakten nicht ausgekühlt zu werden, das ist die Aufgabe, der sich Rothmanns Figuren gegenübersehen, so unterschiedlich ihre Betriebstemperaturen auch sein mögen. Onkel Gabi, wie der stoische Riese im weißen Kittel mit gutmütigem Kollegenspott genannt wird, hat als Mädchen für alles im Krankenhaus am Wochenende den Leichenstau in der Pathologie zu bewältigen. Ein schlichter Mann mit dunkler Vergangenheit und geringen Ansprüchen, ein später Nachfahre des armen einfältigen Wanderarbeiters Lennie aus John Steinbecks Klassiker „Von Mäusen und Menschen“. Der aufgeweckte Neunjährige aus der Nachbarschaft, der den rauchenden Riesen im Krankenhausgarten entdeckt, merkt rasch, dass sein neuer Freund aus einer ganz anderen Welt stammt als seine Mutter, die Opernsängerin, und sein Vater, der Schriftsteller. Es ist das Kind, das den gutmütigen Riesen adoptiert.

John Steinbeck zitierte mit den Titel seiner Novelle Robert Burns Gedicht „To a Mouse“; Rothmann lässt nun seinen Riesen das Mausgedicht beenden, dass sein altkluger kleiner Freund schreiben wollte, weil ihn die toten Mäuse, die von der hochmütigen Katze als Trophäen ins Haus geschleppt werden, gerührt haben. Mithilfe eines Reimlexikons verfasst Onkel Gabi nun schlichte Verse, die Mäusen und Menschen das Herz schwer lassen werden.

Der einfältige Riese in der kühlen Pathologie als warmherziger Dichter? Klingt schrecklich. Kann das überhaupt gutgehen? Eigentlich nicht. Ralf Rothmann gelingt es. Weil er sich um die Wirklichkeit der Fakten nicht mehr schert als für einen Dichter nötig ist, und weil er kennt, was niemand berechnen kann: die empfindliche Statik des menschlichen Herzens.

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