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Ragip Zarakolu : Der Verdächtige

Mit harter Hand gegen unliebsame Intellektuelle: der türkische Ministerpräsident Erdogan
Mit harter Hand gegen unliebsame Intellektuelle: der türkische Ministerpräsident Erdogan : Bild: AFP

Auch deshalb schrieb Zarakolu sofort einen Artikel für die armenisch-türkische Zeitung „Agos“, als er aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Er bestand darauf, dass der auf Armenisch erschien. Danach veröffentlichte er einen Artikel auf Kurdisch. „Als Nächstes ist Griechisch dran und vielleicht Aramäisch. Die Sprachen der unterdrückten Minderheiten hätte ich dann durch“, sagt er und lächelt bei der Vorstellung, wie die Staatsanwälte sich die Haare raufen werden, weil es in ihrer Behörde keine Übersetzer für diese Sprachen gibt, sie aber unbedingt verstehen wollen, was Zarakolu geschrieben hat.

Er geht in den Flur. Er muss telefonieren. Er spricht jetzt sehr laut und streng. Irgendwer soll etwas für ihn organisieren. Vielleicht ist ihm noch eine Finte eingefallen, wie er die Staatsanwälte ärgern kann. Seine Familie hat immer gelitten unter dem autoritären türkischen System. Durch die Fenster fällt die Nachmittagssonne und zeichnet träge Schatten auf den Boden. Wären die Häuser vor Zarakolus Wohnhaus niedriger, dann könnte man das Marmarameer sehen und die der Stadt vorgelagerten Prinzeninseln. Auf einer, auf Büyükada, wurde Zarakolu geboren. Sein Vater war dort Landrat. Türken, Griechen, Armenier, Juden lebten auf den Inseln, sie prägten seine Sicht auf die Welt. Als 1960 der erste Militärputsch die Türkei erschütterte, zwangen die Generäle den Vater, seine Arbeit niederzulegen. Er war zu liberal.

Ohne große Hoffnung

Zarakolu kommt zurück ins Wohnzimmer, mit Gläsern und einer Flasche Likör in der Hand, auf dem Etikett steht „Ararat“, Zarakolu hat ihn aus Erivan mitgebracht, wo ihm im Mai die Ehrenmedaille des armenischen Staates verliehen worden ist - Armenien und die Türkei liegen im Dauerstreit, für die armenische Regierung muss es ein Triumph gewesen sein, dass der gerade aus der Haft entlassene Zarakolu die Medaille persönlich in Empfang nahm. Er schenkt ein, lehnt sich im Sessel zurück und sagt: „Schläge oder Elektroschocks, wie in den achtziger Jahren, habe ich diesmal nicht bekommen. Stattdessen gab es Decken und Essen. Die Türkei ist jetzt eben eine echte Demokratie.“ Er lacht und nimmt einen Schluck. „Wissen Sie, wir haben eine Welt hier, aber wie in der Mythologie gibt es in der Türkei noch eine andere. Eine Welt unter uns, ein Hades. Ich konnte ihn sehen. Der Eingang liegt unter dem Polizeipräsidium.“ Einen riesigen Parkplatz gebe es dort, auf dem jede Abteilung einen eigenen Abschnitt mit eigenen Türen habe. Durch sie werden die Verhafteten direkt zu den Zellen geführt. Als Zarakolu zur Toilette musste, sah er auf dem Gang Büşra, die Freundin seines Sohne Deniz. Auch sie war verhaftet worden. Später, im Gefängnis, traf er dann auf Deniz selbst. Vor einigen Jahren hatte er eine Studie über die Unabhängigkeit der türkischen Richterschaft erstellt, außerdem hielt er an der Bildungsakademie der BDP Vorlesungen über Thomas Hobbes. Reichlich Gründe für die Justiz, sich den 35-Jährigen ebenfalls vorzunehmen. Er wird zusammen mit seinem Vater vor Gericht stehen. Zwischenzeitlich freigekommen ist er nicht.

„Haben Sie die Schule auf der anderen Straßenseite gesehen?“, fragt Zarakolu. „Meine Generation musste morgens vor Schulbeginn immer rufen: ,Ich bin stolz, ein Türke zu sein‘. Genauso meine Kinder, sie sind auf diese Schule gegangen. Und heute höre ich diese Worte morgens immer noch. Wird sich dieses Land denn nie ändern?“

Hoffnung, dass Erdogan und seine Justiz irgendwann einen anderen Weg einschlagen werden, hat Zarakolu nicht. Er glaubt an andere Leute. Als die Türkei im Jahr 2006 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, beriet er den türkischen Kulturminister Günay. Sein Ministerium hatte sich ein hübsches Logo für den Gastlandauftritt ausgedacht: Ein buntes Mosaik, das die Gleichberechtigung von Kulturen und Religionen in der Türkei symbolisieren sollte - einen Zustand also, den es in der Türkei nicht gibt. Günay ist sich dessen offenbar bewusst, denn er fragte Zarakolu, was man am Stand präsentieren könne, damit das Logo nicht lächerlich wirke. Zarakolu setzte durch, dass neben großen türkischen Verlagen auch jüdische, armenische und griechische eingeladen wurden. Und ließ es sich nicht nehmen, ein Buch über den armenischen Genozid zu präsentieren. Der Kulturminister sah es, sagte aber nichts. „Ich merkte, wie nervös er wurde. Aber er hatte so genau die Vielfalt, die er sich für den Auftritt im Ausland wünschte.“ Als Zarakolu jetzt im Gefängnis saß, schickte der Kulturminister ihm Bücher.

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