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Cervantes-Preis : Ein Dichter trotzt der Staatsmacht

Der Dichter Rafael Cadenas im Jahr 2009 Bild: Picture Alliance

Mut und Eigensinn: Der 92 alte Dichter Rafael Cadenas aus Venezuela erhält den mit 125.000 Euro dotierten Cervantes-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt.

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          Erinnerung an eine Szene auf der Internationalen Buchmesse von Guadalajara, Mexiko. Ein voller Saal, viele junge Menschen, manche fanden nur auf dem Boden Platz. Herein kam kein Rockstar, sondern ein alter argentinischer Dichter. Die jungen Menschen lauschten, wie er seine Gedichte vortrug, und den Gesichtern war nicht zu entnehmen, ob sie jedes seiner Bilder verstanden hatten, vom Gesamtsinn zu schweigen. Manchmal schien es, sein wunderbares Spanisch zog über ihren Köpfen hinweg durch den Saal und zum Fenster hinaus, um sich mit dem Nachthimmel zu verbinden. Aber in der Lyrik hat auch das Unverstandene Platz.

          Wie im Fall des venezolanischen Dichters Rafael Cadenas, der jetzt mit 92 Jahren den Cervantes-Preis zugesprochen bekommen hat, die höchste Auszeichnung der spanischsprachigen Welt. Was tun mit den 125 000 Euro Preissumme? Am Telefon konnte Cadenas kaum eine Frage der spanischen Zeitung beantworten. Ob ihn der Preis nicht umgehauen habe? „Nein, ich saß bereits.“ Dann also zu ihm, Cadenas, dem früheren Kommunisten und Gläubigen des Castro-Regimes. Unter einer lange zurückliegenden Rechtsdiktatur in Venezuela wurde er zu Haft verurteilt und ging später ins Exil nach Trinidad, aber das war nur ein Sprung über das Wasser, wie er selbst sagt, er hasst Dramatisierung. Wiederum später schwor er dem Kommunismus ab. Sein berühmtestes Gedicht heißt „Niederlage“.

          Das Wort muss auf die Straße

          Unter Hugo Chávez und Nicolás Maduro sah Cadenas sein Land verfallen und ging ins innere Exil. Den Namen des jeweiligen Gewaltherrschers sprach er öffentlich nicht aus, sondern nannte ihn nur „dieser Herr“. In der Zwischenzeit sammelte er Anerkennung und Literaturpreise, doch nicht in Deutschland, wo nur wenige seiner Gedichte je erschienen sind, lebte bescheiden und übersetzte die Lyrik anderer. Vor sieben Jahren gingen er und einige Freunde auf die Straßen von Caracas hinaus, der kaputten Metropole, und lasen Gedichte vor, um zu zeigen, dass es noch etwas anderes gibt außer Not, Gewalt und Korruption.

          Warum der Cervantes-Preis wichtig ist? Er erinnert an den Wert sinnvoll komponierter Wörter, lässt uns innehalten und macht den Glauben an etwas Besseres weniger absurd, als er ohne Cervantes-Preis wäre. „Poesie ist allmächtig und unbedeutend“, hat Rafael Cadenas einmal gesagt. „Unbedeutend, weil ihr Einfluss in der Welt winzig ist. Mächtig aber durch ihre Beziehung zur Sprache. Politik entleert den Sinn der Wörter – Demokratie, Gerechtigkeit, Freiheit –, und die Dichter erinnern an diese Leere.“ Manchmal besteht die Würde des Dichters allein darin, etwas richtigzustellen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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