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RAF-Ausstellung in Stuttgart : Die Trümmer des Terrors

Auf das Morden reagierte der deutsche Staat eher mit hartem als mit kühlem Kopf: Ein Polizeihelm der siebziger Jahre Bild: Polizeihistorischer Verein Stuttgart e. V.

In Stuttgart wird die Geschichte der RAF zum Thema einer Ausstellung. Auch wenn es der Schau gelingt, Opfer wie Täter gleichermaßen zu behandeln, gibt sie sich doch der Faszination der Gewalt hin.

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          Liefe man gegen den Strom, man träfe zuerst auf das verblüffendste Objekt dieser Ausstellung im zweiten Tiefgeschoss des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. Da steht unmittelbar vor dem Ausgang ein Motorrad, eine Suzuki GS750, Baujahr 1977, schillernd rot lackiert. Von dieser Maschine herab wurden am 7. April 1977 in Karlsruhe der Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine beiden Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster erschossen. Bis heute weiß niemand, wer der Todesschütze war. Ausgenommen die Täter selbst.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das Motorrad war damals blau lackiert und wurde noch am Tag des Attentats in der Nähe von Karlsruhe sichergestellt. Vier Jahre später glaubte man den Fall aufgeklärt, erste Mitglieder der RAF waren als Täter verurteilt, nach den anderen wurde gefahndet, also schien das Tatfahrzeug entbehrlich, und die Bundesanwaltschaft gab es zum Verkauf frei. Ein Einundzwanzigjähriger freute sich über den Schnäppchenpreis von 3500 Mark, erwarb die Mordmaschine und fuhr damit zwanzig Jahre lang quer durch Europa. Warum nicht der Verleiher, von dem die RAF-Terroristen das Motorrad gemietet hatten, es wieder zurückbekam, ist eine Frage, die in der Ausstellung nicht beantwortet wird.

          Die Ausstellungsgestaltung ist ein Kunstwerk

          Es ist nicht die einzige, denn diese Präsentation erhebt nicht den Anspruch, letzte historische Klarheit zu schaffen. Als vor zehn Jahren die Berliner Kunst-Werke ankündigten, der RAF eine Ausstellung zu widmen, war der Protest gewaltig. Nur sollte diese, 2005 dann in veränderter Konzeption durchgeführte Schau sich ausschließlich mit der Verarbeitung des deutschen linken Terrors in der Kunst beschäftigen - ein Plan, der schwer erträglich war angesichts einer ästhetischen Rezeption, die von den Filmen Volker Schlöndorffs bis zum RAF-Bilderzyklus von Gerhard Richter nahezu ausnahmslos die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus in den Mittelpunkt stellt, nicht aber die von ihm Ermordeten. Diesen Fehler korrigiert die Stuttgarter Ausstellung gleich zu Beginn: Auf großen schwarzen von der Decke hängenden Splittern und in Trümmervitrinen werden die Attentate der RAF von 1971 bis 1993 aufgelistet - und damit auch die 34 Opfer, die dieser Terror das Leben gekostet hat.

          Granateinschlag: Auf den Trümmern finden sich die Namen der Opfer des linken Terrors

          Ins Tiefgeschoss des Hauses der Geschichte wurde in den Ausstellungssaal ein blutrot gestrichener Keil getrieben, der an der Basis hoch hinaufgeht, um sich dann zur Spitze hin immer weiter zu verengen - Symbol der Ausweglosigkeit des gewaltsamen Protests gegen ein angebliches Unrechtsregime, wie es die RAF im westdeutschen Staat erkannt haben wollte. Hier spielt die künstlerische Verarbeitung des Themas so gut wie keine Rolle, stattdessen ist die Ausstellungsgestaltung ein Kunstwerk: Hinter den Bruchstücken, auf denen all die Anschläge notiert sind, ist ein Loch in die rote Wand gebrochen, ein schwarzer Granateinschlag. Am Ende dieses Ausstellungsteils liegt die dazu passende Waffe: eine Panzerfaust, mit der im September 1981 ein erfolgloses Attentat auf General Kroesen, den Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen in Europa, verübt wurde. Und mitten in den Keil haben die Gestalter einen grauen Quader gesetzt, der nur schmale Vitrinen enthält, in denen das Leben in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim dokumentiert wird.

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