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Die Eigenart der Queen : Gelassene Gewissheit

  • -Aktualisiert am

Von allen anerkannt: ein großes Porträt der Queen auf der Promenade des Anglais in Nizza Bild: Reuters

Von charismatischer Autorität: Königin Elisabeth II. gab für Großbritannien wie ein ruhig schlagendes Metronom den Takt vor. Dabei blieb sie immer ein Emblem – öffentlich einsehbar, aber nie wirklich zu entziffern.

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          Sie war die letzte, auf die sich alle einigen konnten. Nicht auf die Monarchie, nicht auf das Königshaus, nicht auf das Empire, aber auf sie, Elisabeth, die Person, die Frau, das Vorbild. Welche anderen historischen Figuren fallen einem ein, die eine solche Wertschätzung genossen? Über Zeiten, Klassen und Glaubenssätze hinweg. Ob links oder rechts, arm oder reich, jung oder alt, gläubig oder aufgeklärt – vor ihr fühlte man Achtung. Bei ihr spürte man noch, was das Wort bedeuten könnte: Demut. Ein Mensch, durch den die Jahrzehnte hindurch gegangen sind, ohne dass sie ihm etwas anhaben konnten. Ohne dass sie Spuren hinterlassen hätten an seinem Auftritt, seiner Sprache.

          Das Gegenteil von Aggiornamento könnte man sagen. Und läge doch falsch: Denn ihr Wesen war nicht Ablehnung von Fortschritt, war kein Beharren an sich, sondern die gelassene Gewissheit des Überdauerns. Fast schien es so, als würden alle politischen Kategorien in ihr aufgehen, als würden sie durch ihre charismatische Autorität entschärft. Darin bestand ihre große Anziehungskraft: dass sie nichts vertrat. Keine Meinung äußerte. Stets nur ans Fenster heran trat, sich nicht aus ihm heraus lehnte. Hierzulande kennen wir Präsidenten nur als ehemalige Widerständler oder altgediente Büroleiter, als Funktionsglieder unserer institutionellen Ordnung. Königin Elisabeth II. aber war selbst Institution. War die Abstraktion der politischen Ordnung und gesellschaftlichen Bedingungen, die sie umgab. Sie war das nicht rein aus traditionellen Gründen.

          Das Wunder der Monarchie

          Ihr entscheidendes Vermögen bestand darin, eine immer mehr geschrumpfte Nation vom Überdruck der Erneuerung zu entlasten. Die Königin als innere Friedensstifterin. Als ruhig schlagendes Metronom, das sich nicht aus dem Takt bringen lässt – auch nicht vom größten Unglück in ihrer Nähe. Da stieß die Bewunderung für ihr übergeordnetes Sein das einzige Mal an Grenzen. Da kollidierte ihr abstrakter Verhaltenskodex doch mit den konkreten Wertvorstellungen ihrer Zeit. Sie blieb trotzdem: ein Emblem. Öffentlich einsehbar, aber nie wirklich zu entziffern. Was sie den fünfzehn verschiedenen Premierministerinnen und Premierministern in ihren Unterredungen sagte, musste stets Geheimnis bleiben. Sehr wahrscheinlich aber verliefen ihre Audienzen nicht viel anders als so, wie sie Paddington Bär in dem von ihr mit sichtlichem Vergnügen arrangierten Film-Clip zum Jubilee-Wochenende empfing. Es ist jetzt viel vom Wunder, von der Magie der Monarchie die Rede. So weit muss man gar nicht gehen.

          Es reicht, die tiefenpsychologischen Vorteile anzuerkennen, die eine überparteiliche Instanz auch für moderne Mentalitäten haben kann. Die entlastende Qualität eines außerordentlichen Bezugspunktes. Auf den sich eben auch die einigen konnten, die sonst keine Ansichten teilten. Es ist nicht die Herrschaftsform, die das vermag – der Blick auf andere gekrönte Häupter unserer Zeit beweist das –, sondern die Bestimmtheit einer Person. Einer Königin, die eben nichts Atavistisches umgab, sondern die aus einer Ruhe lebte, die immer gilt. Jetzt ist das Metronom stehen geblieben. Jetzt sind wir aus dem Takt.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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