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Quarantäne in Italien : Der Gesang der italienischen Seele

Kollektiver Applaus, der von Terrassen, Balkonen und aus geöffneten Fenstern dringt: Solidarisierung in Italien Bild: dpa

Ganz Italien würde sich in diesen Tagen des Eingeschlossenseins gern umarmen. Jetzt, da das nicht mehr geht, finden die Menschen andere Wege, den Unermüdlichen ihren Dank zu zeigen.

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          Es ist sechs Uhr Abends, und auf dem mit Trikolore geschmückten Balkon am Arco della Pace in Mailand hat sich eine ganze Familie versammelt. Laut stimmen sie das Lied „Azzuro“ von Adriano Celentano an, und laut schallt „Azzuro“ auch aus den Fenstern und von den Balkonen der Nachbarhäuser. Es wird gesungen mit Inbrunst, mit Pathos an diesem ersten Wochenende des vom Coronavirus komplett stillgelegten Italiens. Jeder singt, so gut er es eben kann. Einer hat eine Geige, ein anderer eine Klarinette auf diese Bühne mitgebracht, in die sich die Balkone und Fenster nun jeden Abend um Punkt sechs Uhr verwandeln. Es ist eine Gesangsaufführung der besonderen Art. Man singt, um zu sagen: Wir sind da.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Kostüme der Chorsänger sind die bequeme Kleidung der erzwungenen Häuslichkeit; Hausanzug, Jogginganzug, sogar ein Pyjama ist auf einem der Balkone zu sehen. Äußerlichkeiten sind diesen Sängern egal. Ihre Melodie zieht durch die Straße und erfüllt sie für einige Momente mit hoffnungsfroher Lebendigkeit. Noch vor kurzem hatte man im lärmenden Mailand Momente der Ruhe herbeigesehnt. Nun, da die Menschen ihre Häuser nur noch in Ausnahmesituationen und mit Passierschein verlassen dürfen, hat sich Stille über die Stadt gelegt. Es ist eine Stille, in der die Angst gut hörbar ist. Sie ist wie die Erinnerung an das Echo eines Lebens, das schon jetzt einer sehr weit entfernten Vergangenheit anzugehören scheint und von dem man nicht weiß, wann man es wieder aufnehmen können wird. Aber es entstehen auch neue Bekanntschaften. Die Nachbarn, denen man nie im Treppenhaus begegnete, weil alle immer viel zu beschäftigt waren, winken freundlich vom Balkon nebenan und stellen sich vor.

          Wenn alles andere stillsteht

          Ganz Italien würde sich in diesen Tagen des Eingeschlossenseins gern umarmen, aber jetzt, da das nicht mehr geht, schließen sie sich einem patriotischen Karaoke an. Jeden Abend wird in Neapel, Rom, Mailand, Bologna, Florenz und vielen anderen Orten gesungen und Musik gemacht, die Einladung dazu zirkulieren in den sozialen Netzwerken. Die Menschen singen Lieder, in denen sich die italienische Seele wiederfindet; sie intonieren Stücke von Verdi, sie singen ihre Nationalhymne „Fratelli d’Italia“ und das Partisanenlied „Bella Ciao“ oder Schlagerhits wie „Ma il cielo è sempre più blu“ von Rino Gaetano. In Neapel hört man auch die Fußballhymne „Un giorno all’improvviso“ auf den Balkonen. Dort verstummt der Chor oftmals erst mit dem letzten Tageslicht. Andernorts untermalt das Läuten von Kirchenglocken die Darbietungen. Das Programm wird von Tag zu Tag reicher. Über Musik ist der Kontakt auch dann noch möglich, wenn alles andere stillzustehen hat.

          Sie ist aber nicht das Einzige, womit man jetzt in Italien versucht, einander nah zu sein. Die erste Umarmung des Tages gibt es jetzt täglich zur Mittagszeit. Sie gilt den Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern in den überfüllten Krankenhäusern. Die Umarmung ist ein lauter kollektiver Applaus, der von Terrassen, Balkonen und aus geöffneten Fenstern dringt. Er wird begleitet von Pfiffen, von Rufen der Dankbarkeit und Wertschätzung für das, was in den Krankenhäusern geleistet wird. Und dann sind da auch noch die Regenbögen, die jetzt in vielen Fenstern erscheinen. Oft sind sie von Kinderhand gemalt und überschrieben mit den Worten „Andrà tutto bene“ – „Alles wird gut“.

          „Mach dir keine Sorgen“

          Zuerst tauchten die Regenbögen auf Aufklebezetteln in Mailand auf, als man sich noch relativ frei in der Stadt bewegen konnte. Eine anonyme Dichterin klebte sie zu Dutzenden an die Eingänge von Supermärkten und an Schaufenster, wie um jenen, die gezwungenermaßen für Besorgungen vor die Tür mussten, beruhigend ins Ohr zu flüstern: „Mach dir keine Sorgen“. Die Idee verbreitete sich im ganzen Land, und nun tauchen Regenbogenbilder überall wie Pilze auf; sie hängen vor Balkonen, in Fenstern, an Haustüren.

          Auch das ist eine Antwort der Menschen darauf, einander Trost und Mut nicht mehr durch körperliche Gesten spenden zu können. Sie vollführen diese Gesten jetzt mit Stift und Papier, lesbar für jedermann. Alle befinden sich schließlich in der gleichen Situation. In der Theorie weiß das natürlich jeder. In der Isolation lauert jedoch die Einsamkeit, und die ist weitaus mächtiger als jedes Tatsachenbewusstsein. Aktionen wie das flächendeckende Malen von Regenbogenbildern oder kollektives Singen und Klatschen mögen auf den ersten Blick vor allem anrührend wirken. Ihre Bedeutung ist aber nicht zu unterschätzen. Sie führen den Einzelnen in die Dimension der Gemeinschaft zurück, allen räumlichen Trennungen zum Trotz. Die Widerstandsfähigkeit kann das nur erhöhen.

          „Andrà tutto bene“ – „alles wird gut“ steht auch auf einigen Fahrzeugen der Buslinie, die in Mailand am Krankenhaus vorbeifährt. Ärzte, Krankenschwestern und Patienten können die Botschaft sehen, wenn sie mal einen Moment finden, um aus den verriegelten Fenstern nach draußen zu schauen.

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