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„Quantified Self“ : Das Handy wird zum Körperteil

Gut geschlafen? Die App „Sleep Cycle“ dokumentiert unsere Nächte Bild: Maciek Drejak Labs

Die technischen Spielereien, mit denen wir unseren Körper überwachen können, werden immer ausgefeilter. Wohin führt die obsessive Selbsterkundung mit dem Smartphone?

          6 Min.

          Es ist ein ziemlich merkwürdiges Gefühl, neben seinem Smartphone einzuschlafen. Es ist auch merkwürdig, nachts zu tasten, ob es noch unter dem Spannbettbezug in der Nähe des Kopfkissens liegt. Sollte es das nicht tun, versagt die App „Sleep Cycle“ ihren Dienst, anstatt die Qualität des Schlafs börsenkursartig festzuhalten, jeden Moment der nächtlichen Ruhe oder Unruhe. Morgens, und auch das ist merkwürdig, fällt dann der erste Blick automatisch aufs Smartphone. Wie habe ich geschlafen?

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Mensch ist vermessbar. Das ist nicht neu. Neu ist, dass er dank der Technik nun die Möglichkeit hat, es ohne größeren Aufwand selbst zu tun - und zwar bei so ziemlich allem, was er macht. Inzwischen gibt es mehrere hundert Smartphone-Apps und Tools, die diese Arbeit erledigen, und täglich kommen neue hinzu. Sie messen unseren Puls, unsere Lungen- und Herzfunktion, den Blutzuckerspiegel, wie viele Kalorien wir verbraucht haben, wie viele Schritte und Stufen wir gegangen sind und was das in Kilometer und Höhenmeter umgerechnet bedeutet. Sie messen, wie wir uns fühlen und wie produktiv wir sind. Ein „Neuroheadset“, das die Gehirnströme aufzeichnet, kostet nur wenige hundert Euro. Die Liste ließe sich ins Endlose erweitern.

          Je mehr Zahlen, desto besser

          Das britische Gesundheitsministerium stellte Ende vergangenen Jahres auf seiner Internetseite rund fünfhundert Apps und technische Anwendungen für Selbstoptimierer vor und rief die Bürger zur Abstimmung auf. Damit zeigte es unmissverständlich, dass es den Selbstvermessungstrend nicht als Spinnerei abtut. Andrew Lansley, Gesundheitsminister des Landes, sagte: „Ich wünsche mir, dass es ganz normal wird, eine App auch zu nutzen, um den Blutdruck zu messen.“ Den ersten Platz belegte schließlich das Stimmungsbarometer „Moodscope“. Man fragt sich damit regelmäßig „Wie geht es mir heute?“, am besten mehrmals täglich, und bewertet seine aktuelle Stimmungslage. Aus diesen Eingaben errechnet das Gerät dann unsere Befindlichkeitskurve.

          „Ich wünsche mir, dass es ganz normal wird, eine App auch zu nutzen, um den Blutdruck zu messen“: Der britische Gesundheitsminister Andrew Lansley zeigt, dass er den Selbstvermessungstrend nicht als Spinnerei abtut

          „Wir brauchen die Hilfe von Maschinen.“ Diesen Satz schrieb der „Wired“-Journalist Gary Wolf in einem Artikel in der „New York Times“. Die Überschrift lautete: „The Data-Driven Life“. Die Maschinen, von denen Wolf spricht, sollen uns bei allem, was wir tun, überwachen, wie winzige Assistenten, die nicht mehr von unserer Seite weichen. Sie sollen uns produktiver und unser Leben effizienter machen. Das funktioniert laut Wolf am besten, wenn wir uns der Technik ganz und gar ausliefern.

          Um das Verwachsen von Mensch und Maschine mit Macht voranzutreiben, gründete er 2007 mit Kevin Kelly die Internetseite quantifiedself.com, die, wie der Name schon sagt, auf die Quantifizierung des Ichs abzielt. Sie markiert den Ausgangspunkt einer Bewegung, die weltweit schnell wächst. Inzwischen haben sich in mehr als zwanzig Ländern Quantified-Self-Gruppen zusammengeschlossen, auch in Deutschland. Ihre Mitglieder begreifen sich selbst als Forschungsvorhaben und kreisen um sich und ihre Befindlichkeiten, als läge ihr Körper pausenlos unter einem Mikroskop. Das Ziel ist seine absolute Beherrschung durch das Sammeln von Zahlen - je mehr Zahlen, desto besser, sagt Gary Wolf. „Self Knowledge Through Numbers“. Selbsterkenntnis durch Zahlen.

          Ein Blick in Montaignes Essais

          Im Netz gibt es ein Video, in dem Wolf eindrucksvoll die Vorzüge der Selbstquantifizierung preist, als ginge es um eine neue Religion. Wir sehen einen smarten, leicht gebräunten Mann, der freundlich ins Publikum blickt und seinen kurzen Vortrag mit ein paar persönlichen Lebensdaten beginnt: Er sei vergangene Nacht um 0.45 Uhr ins Bett gegangen, einmal aufgewacht und schließlich um 6.10 Uhr aufgestanden. Seine Herzfrequenz betrug 61 Schläge pro Minute und so weiter. Wozu diese ganzen Zahlen dienten, fragt er, und gibt gleich die Antwort. Sie seien der Spiegel, der uns am Ende ein besseres Leben beschere. Besser heißt glücklicher. Und das ist der entscheidende Punkt: Die Quantified-Self-Bewegung spielt mit dem Versprechen eines glücklicheren Lebens. Es wäre also naiv, sie zu unterschätzen.

          Die Gründe, die laut Wolf die Selbstevaluierung erst ermöglicht haben, werden auch dafür sorgen, dass sie in Zukunft an Bedeutung gewinnt: Erstens wird die Technik, die inzwischen einen breiten Markt erobert hat (in Deutschland besitzt jeder Dritte ein Smartphone), immer ausgefeilter. Zweitens umgibt das Teilen intimer Details des Privatlebens in Facebook-Zeiten nicht mehr der Geruch des Exhibitionismus, es ist zu einer völlig normalen Sache geworden. Und drittens können wir dank der technischen Infrastruktur in Form der „Cloud“ von jedem Ort der Welt auf unsere persönlichen Daten zugreifen. Gary Wolf spricht von einer „globalen Superintelligenz“.

          Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er sich unter die Lupe nimmt und wie ein Objekt betrachtet. Die Tradition des Tagebuchschreibens, die ja nur eine Dokumentationsspielart ist, reicht Jahrhunderte zurück. Man muss nur einen Blick in Montaignes Essais werfen, um zu erkennen, dass die Leidenschaft fürs eigene Ich bereits seinerzeit zur Manie wurde. Die körperliche Selbstanalyse Montaignes ist schonungslos: „Am siebzehnten März hatte ich fünf oder sechs Stunden lang wieder meine Nierenkolik, die diesmal jedoch erträglich war; kurze Zeit später schied ich einen Stein aus, der Form und Umfang eines großen Pinienkerns aufwies.“

          Als stünden wir in einem Dauerwettkampf mit uns selbst

          Es spricht erst einmal alles dafür, die Sensibilität für den eigenen Körper zu schärfen, achtsamer mit ihm umzugehen, Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu verändern. Die Vorstellung, sich selbst durch Datenakkumulation zu ergründen, Herr im eigenen Haus zu werden, ist verführerisch. Und sie ist auch gefährlich. Die Soziologin Sherry Turkle erforscht seit Jahrzehnten, wie tiefgreifend der technologische Wandel unsere Gesellschaft verändert. Ihr aktuelles Buch heißt „Verloren unter hundert Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern“, für das sie zahlreiche Interviews mit Jugendlichen und Erwachsenen über deren digitale Gewohnheiten geführt hat.

          In Blick auf unser ohnehin stetig stärker autistisch gefärbtes Kommunikationsverhalten scheint die Zukunft, glaubt man Sherry Turkle, nicht eben rosig. „Maschinenmenschen“ sind für sie alles andere als ein düsteres Science-Fiction-Szenario. Sie sind Realität. In einem „Spiegel“-Interview sagte sie: „Das Handy ist nicht mehr nur ein Gerät mit Nutzwert. Mit ihm fühle ich mich gut, ich nehme es mit ins Bett, es fühlt sich fast an wie ein Teil des Körpers.“ Wer sich mit Leib und Seele selbst vermisst, für den fühlt es sich nicht nur so an, für den ist es bereits so.

          Nehmen wir „Fitbit“. Das ist eine kleine schwarze Maschine, ein Aktivitätstracker, ausgestattet mit einem hochsensiblen 3D-Bewegungssensor und einem Höhenmesser, der sich sowohl am Büstenhalter als auch ums Handgelenk tragen lässt. Der Höhenmesser, so steht es auf der Internetseite, soll uns ermutigen, „zu Hause oder im Büro die Treppen zu nehmen oder bei der nächsten Bergwanderung noch etwas weiter zu gehen“. Man könnte diese harmlos scheinende Ermutigung genauso gut als Kampfansage verstehen. „Besiege deinen Körper!“, riefe uns das Gerät dann zu, jeden Tag aufs Neue. Als stünden wir in einem Dauerwettkampf mit uns selbst. Das ist schließlich der Sinn einer Feedbackschleife: die eigene Leistung zu verbessern.

          Mit der Zahlenanalyse schlicht überfordert

          Es ist noch nicht lange her, da galt, wer in einem Tagebuch akribisch seine Gewohnheiten dokumentierte, als spleenig. Der technische Fortschritt hat die Perspektive komplett verändert: Das digitale Tagebuch ist ein Effizienzdokument. Es passt perfekt in eine Gesellschaft, die unter Optimierungszwang steht.

          Auf Kritik dieser Art antworten Quantified-Self-Anhänger gerne mit dem Emanzipationsargument. In einem vom Kostendruck völlig überforderten Gesundheitssystem, in dem Ärzte ihren Patienten kaum mehr als jeweils fünf Minuten Aufmerksamkeit schenken, wäre es dumm, sich nicht aus der Abhängigkeitsfalle zu befreien, indem man seine eigene elektronische Krankenakte anlegt, sie regelmäßig mit Daten füttert, die man zur Dauerevaluierung in sozialen Netzwerken postet. Dort werden sie dann von Pseudoexperten interpretiert. Zum Beispiel auf www.chartmyself.com oder www.daytum.com. Dazu gibt es ein Sammelsurium an Tipps, etwa, dass die ideale Workout-Zeit morgens um 5.30 Uhr ist, dass ein hoher Butterkonsum beim Denken hilft und frische Bananen gesünder sind als solche, deren Konsistenz in Richtung Brei geht. Außerdem, lautet eine Empfehlung, sollte man immer ein Paar Schlittschuhe bei sich haben, denn Schlittschuhlaufen verbrennt viele Kalorien.

          Alexander Blau, Arzt am Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrum der Charité in Berlin, erzählt von mehreren Patienten, die, nachdem sie eine Schlaf-App getestet hatten, einen Termin mit ihm vereinbart hätten. Blau verteufelt die Hobbyselbstvermessung nicht, schließlich, sagt er, schaue man bei Halsschmerzen ja auch in den Spiegel, um zu sehen, ob der Rachen rot ist oder die Mandeln dick sind. Man misst auch Fieber. Der Grad einer gesunden Selbstbeschäftigung ist allerdings schmal. Blau warnt davor, die Ergebnisse elektronischer Spielereien als Grundlage für weitreichende Schlüsse heranzuziehen. „Das pure Sammeln von Daten führt erst einmal zu nichts, denn man muss die Daten ja richtig interpretieren können. Erst daraus entsteht Wissen.“ Und genau dieses Wissen ist der heikle Punkt. In der Regel sind Laien mit der Zahlenanalyse schlicht überfordert. Die vermeintliche Mündigkeit endet so in der Sackgasse.

          Ein Körper, der uns fremd geworden ist

          Zahlen umgibt eine Aura von Objektivität. Sie wiegen uns in Sicherheit, wie es das gesprochene Wort niemals vermag. „Daten statt raten“ überschreibt das Zukunftsinstitut einen Artikel zum Quantified-Self-Trend. Spätestens seit dem Lehman-Brother-Crash 2008, der die Welt in einen Strudel riss, dessen Sog sie bis heute spürt, müssten wir eigentlich eine ungeheure Zahlenaversion verspüren - und uns in die Arme der Intuition flüchten. Aber das tun wir nicht, im Gegenteil. Noch immer verbreitet jede Gewinnwarnung bei Börsenhändlern und Aktionären blanke Furcht, noch immer reagiert der Markt hektisch auf die Rankings irgendwelcher Ratingagenturen, die in der Vergangenheit nachweislich versagt haben. Die Quantified-Self-Bewegung, die jedem Graphen, jeder Statistik huldigt, ist nur die Zuspitzung unserer übersteigerten Zahlenaffinität.

          Besonders absurd an der Sammelwut ist, dass die Zahlen am Ende dazu dienen sollen, unserem Körper Gutes zu tun - einem Körper, der uns fremd geworden ist, auf den wir nach der Quantified-Self-Logik längst nicht mehr hören. Seine innere Stimme haben wir auf stumm geschaltet. An ihre Stelle ist die Maschine getreten, die zu uns spricht.

          „Hör auf deinen Bauch.“ Für Selbstvermesser muss diese Aufforderung wie Komik klingen. Sicherlich, das Verlangen nach einem Schokocroissant würde sich nach wie vor bemerkbar machen, nur würde man in einem solchen Fall das Smartphone zu Rate ziehen, ob etwas derart Fetthaltiges nicht die vorgesehene Tagesmenge an Kalorien übersteigt. Die Frage ist, wem wir im Zweifelsfall mehr Glauben schenken: der Maschine oder uns selbst. Die Selftracker haben sich bereits entschieden.

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