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Qualifikationsschriften : Zweierlei Qualm

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Ein Historiker bezeichnet die akademischen Schriften des Kultusministers Jan-Hendrik Olbertz, der vor vier Wochen zum künftigen Präsidenten der Berliner Humboldt-Universität gewählt wurde, als Propagandaschriften fürs DDR-Regime. Doch der Mann verkennt die Lage.

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          Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, hat sich einst in Erziehungswissenschaft habilitiert. Schon das sollte man mit Nachsicht behandeln. Auf dem durchschnittlichen Text in dieser Disziplin liegt kein Segen, es muss in ihr zumeist mehr geschrieben werden, als zu sagen ist oder gewusst wird. Nun hat aber Olbertz, der vor vier Wochen zum künftigen Präsidenten der Berliner Humboldt-Universität gewählt wurde, sich auch noch in der DDR habilitiert, kurz bevor es mit ihr vorbei war, im Februar 1989.

          Und er hat es, wie zuvor auch in seiner Promotion, mit einem für dieses Fach typischen starken Demonstrativkonsum des marxistisch-leninistischen Klassenblablas getan. Mit jeder Menge Honecker- (Erich und Margot), Kurt- Hager- und Egon-Krenz-Zitaten; was es damals eben an Reflexionseliten so gab. Das alles fand jetzt, einundzwanzig Jahre danach, ein Berliner Historiker heraus. Er spricht von einer „Propagandaschrift, die einzig und allein der Stützung und Stabilisierung der SED-Herrschaft“ gedient habe.

          Die Enthüllungstexte qualmen selber

          Die Behauptung eines Stabilisierungsbeitrags erziehungswissenschaftlicher Qualifikationsschriften für Diktaturen sollte man nun allerdings ihrerseits mit Nachsicht behandeln: als Historikersoziologie. Was nicht gelesen wird außer, wenn alles vorbei ist, von Historikern, kann auch nicht stabilisieren. Olbertz hat allem Ermessen nach einfach einen angepassten und heute, wie er selbst sagt, „peinlichen“, trockener aber noch: erkenntnisarmen Text geschrieben. In die Forschung dürfte er nicht eingegangen sein.

          Die Pädagogen der Universität Halle, die Olbertz 1992 zum Professor ernannt haben, mag man darum im Rückblick fragen, wie seine sozialistische Hochschulpädagogik damals in ihrer Berufungskommission diskutiert wurde. Nach allem, was über Berufungskommissionen bekannt ist, wird es auch dort nicht gelesen worden sein. Hingegen ist der parteilose Jan-Hendrik Olbertz wiederholt zum Minister und jetzt zum Präsidenten der Humboldt-Universität nicht aufgrund seines wissenschaftlichen Werks berufen worden, sondern als jemand, der in Hochschuldingen seinen Verstand überdurchschnittlich oft beieinanderhat. Wer jetzt schreibt, man habe es in den Qualifikationsschriften von 1981 und 1989 mit Arbeiten zu tun, „die irritieren und verstören“, in dessen Texten qualmt es selber. Sei die Wissenschaft doch lieber froh, wenn einer von der Forschung oder dem, was nach ihr aussieht, zu dem gefunden hat, was er nachweislich viel besser kann und was für sie auch viel hilfreicher ist.

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