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Putins Propagandachef : Russland in der Offensive

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Dmitri Kisseljow wird Generaldirektor von „Russland heute“. Die neue Nachrichtenagentur soll Putins Politik dem Westen schmackhaft machen Bild: Imago

Vom Westen aus betrachtet, ist der russische Fernsehmoderator Dmitri Kisseljow ein Hetzer und rechter Extremist. Jetzt hat ihn Putin zum Propagandachef gemacht. Ein Erklärungsversuch.

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          Letzte Nacht kam mir der Gedanke, dass der Staat Russland Europa immer häufiger anknurrt - wie ein deutscher Schäferhund, der die Schwäche des Gegenübers spürt.

          Er knurrt auch Amerika an, sogar noch öfter als Europa. Und durch das Gebell hindurch ist der neue Tonfall der russischen Staatspolitik zu vernehmen. Russland bedient sich wieder einer messianischen Rhetorik, wie schon in der Sowjetzeit. Der Unterschied besteht darin, dass diese Rhetorik in politischer Hinsicht früher links, kommunistisch war und heute beinahe ultrarechts, orthodox und konservativ geworden ist.

          Dieses um 180 Grad gewendete, in neuen Farben angestrichene Russland kann sich nach Meinung russischer und internationaler Liberaler zu einer Hochburg des Obskurantismus entwickeln. Aber Putins Russland schreckt das nicht. Es ist im Gegenteil bereit, den Westen zu belehren, dem es vorwirft, die klassischen Werte eingebüßt zu haben und Gut und Böse durcheinanderzubringen. Befand sich Russland noch vor kurzem in der Defensive und empfand sich verschämt als Rohstoffanhängsel der industrialisierten Welt, so geht es nun zur Offensive über. Russland führt den Angriff! Der Westen hat ihm jetzt nichts mehr zu sagen.

          Europas Schwäche

          Mit dieser Welle steigen neue antiwestliche Ideologen auf, die im russischen Staat beträchtlichen Einfluss erlangen. Vor anderthalb Jahren wurde der Historiker Wladimir Medinski zum Kulturminister ernannt. Und jetzt ist der 59-jährige Journalist Dmitri Kisseljow zum Leiter einer neuen Nachrichtenagentur bestellt worden, die den Ausländern in aller Welt die wahren russischen Werte erklären soll. Kisseljow hatte sich in letzter Zeit durch schonungslose und bewusst provokative Kritik an allem hervorgetan, was der Kreml bekämpft.

          Medinski wie Kisseljow sind gebildete Persönlichkeiten - streitbare Köpfe. Sie sind wie die Recken der russischen Volkssage zum Kampf gegen feindliche Stämme bereit, die sich zu den Werten der europäischen Toleranz bekennen. Warum sind sie plötzlich aufgetaucht? Dafür gibt es mehrere Gründe.

          Beginnen wir bei den Schwächen Europas. Es befindet sich in der Tat in einer schwierigen Lage. Es macht nicht nur eine Finanz-und Wirtschaftskrise durch, sondern auch eine multikulturelle Krise. Die Gesellschaft ist gespalten in diejenigen, welche die gleichgeschlechtliche Ehe akzeptieren, und diejenigen, die dies nicht tun. Die russischen Konservativen waren hocherfreut über die Gender-Kontroverse. Sie haben sich den Umstand zunutze gemacht, dass in Russland das einfache Volk die gleichgeschlechtliche Liebe als abstoßend empfindet. Für den russischen Durchschnittsmenschen im 21. Jahrhundert ist Homosexualität die Folge der Gewalt im Gefängnis oder einfach nur ekelhaft. Die Mehrheit der Russen assoziiert auch die Erfolge der europäischen Schwulenbewegung mit dem Verfall klassischer Werte.

          Russlands Erfolge

          Auch wenn dies in Europa selbst womöglich nicht so empfunden wird: Für den russischen Konservativen fällt ins Gewicht, dass Europa in metaphysischer Hinsicht schon seit langem träge geworden ist, dass es den Sinn für Gott verloren und die außersoziale Bedeutung des menschlichen Lebens vergessen hat. Als es aus dem Koma des marxistischen Materialismus und kommunistischen Atheismus erwachte, sah sich mein Land nicht nur mit der reaktionären Kirche konfrontiert, sondern auch mit der metaphysischen Gleichgültigkeit des Westens, an der es keinen Gefallen findet. Vom Lehrer, der die Erfolgsrezepte für Zivilisation und Komfort kennt, verwandelte sich der Westen nach und nach in einen hochnäsigen Studenten mit schlechten Noten und einer verfehlten Vorstellung von der Welt.

          Ein herber Schlag für das Ansehen des Westens sind die jüngsten Enthüllungen Edward Snowdens zur staatlichen Überwachung gewesen. Hatte der Westen zuvor die freie demokratische Welt verkörpert, die Putins Russland kritisiert, so steht er jetzt als ein System da, das sich in seinen eigenen Spionagenetzen verfangen hat.

          Und schließlich haben wir einige offenkundige Erfolge der russischen Diplomatie erlebt - vor allem beim Krieg in Syrien, wo Außenminister Lawrow (gleichfalls ein sehr gescheiter Mensch) den Westen ausmanövriert hat.

          Kisseljow wird sich zurückhalten

          In Russland selbst entstand der neue - oder, um mit Kisseljow zu sprechen, aufgeklärte - Konservatismus vor dem Hintergrund der Niederlage der Protestbewegung in den Jahren 2011 bis 2012. Es zeigte sich, dass das einfache russische Volk mit seinen archaischen Werten und seiner politischen Unreife bei demokratischen Wahlen gegen die großstädtische Mittelschicht fast immer die Mehrheit behält. Selbst im liberalen und prowestlichen Moskau erhielt der Oppositionskandidat Nawalny bei den Bürgermeisterwahlen weniger als ein Drittel der Stimmen. Die russische Macht hat also noch ideologische Reserven in der Hinterhand. Sie nährt das Volk mit der moralischen Einzigartigkeit der russischen Welt als Hüterin der Grundpfeiler der Orthodoxie (und lässt sich teilweise von ihm nähren). Wie sich dies mit der halben Million Abtreibungen zusammenreimt, die jedes Jahr in Russland stattfinden - einer Zahl, die Kisseljow bei einem Treffen mit Journalisten in Chişinău einmal selbst erwähnt hat -, weiß niemand.

          Die Nachrichtenagentur mit Kisseljow an der Spitze wird sehr viel subtiler arbeiten als er selbst als TV-Moderator. Das hat er beim Antritt zu seinem neuen Posten deutlich gemacht, indem er erklärte, dass seine Fernsehsendung eine Geschichte für sich sei. Dies gilt nicht nur für die Sendung, sondern auch für Dmitri Kisseljow selbst. Er ist ein markanter und origineller Charakter. Er mag Extremsportarten, ist Vater von drei prächtigen Kindern und glücklich verheiratet mit Maria, einer fähigen Psychologin. Und er ist trotz unserer grundsätzlich verschiedenen Überzeugungen noch immer mein Freund - ein Freund, mit dem ich noch vor kurzem auf seiner Datscha so heftig über die russische Opposition gestritten habe, dass es fast zu Handgreiflichkeiten kam. Er bezeichnet die liberalen Oppositionsführer als Narzissten, die kein positives Programm haben.

          Sein Stalin heißt Putin

          Der bekannte Ausspruch „Wer in der Jugend nicht liberal war, hat kein Herz, und wer im Alter nicht konservativ geworden ist, hat keinen Verstand“ ist in Russland häufig zu hören. Er passt auf Kisseljow. Ich lernte ihn in den 1990er Jahren kennen, als er eines der Sprachrohre der liberalen Post-Perestrojka-Bewegung in Russland war. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er meinen Roman „Enzyklopädie der russischen Seele“ gelobt hat, der von russischen Nationalisten heftig kritisiert wurde und wegen seiner scharfen Kritik am historischen russischen Nationalcharakter in Deutschland nicht erschienen ist, obgleich er in Polen ein Bestseller war.

          Als ich vor kurzem (noch vor den revolutionären Ereignissen auf dem Majdan) mit Kisseljow nach Kiew flog, riet er mir, vom Abgrund meiner „Enzyklopädie“ aus positive Erscheinungen in Russland zu finden. Meine liberalen Freunde verlangen entschieden von mir, den Umgang mit Kisseljow zu beenden. Ich denke, dass sich auch seine Parteigänger fragen, weshalb wir immer noch befreundet sind. Müssen denn Meinungsverschiedenheiten eine Freundschaft zerstören?

          Aber - so erregen sich meine Freunde - wie kann man mit einem befreundet sein, der sonntags in seiner polemischen, offen antiwestlichen und antiliberalen Fernsehsendung fordert, die Herzen schwuler Verkehrstoter zu verbrennen, damit sie nicht als Spenderorgane verwendet werden! Mit einem, der Putin von der Dimension seines Wirkens her mit Stalin vergleicht und zugleich behauptet, dass wir in einem freien Land leben! Womöglich, sagen meine liberalen Freunde, ist er gerade wegen solcher Aussagen faktisch zum Minister für internationale Informationen - oder vielleicht eher Propaganda - ernannt worden. Putin möchte schließlich Präsident werden. Wer ist besser als er, fragt Kisseljow.

          Russlands Zukunft liegt im Westen

          Was die Ukraine angeht, so malt Dmitri in apokalyptischen Bildern ihren Verfall an die Wand, wenn sie sich Europa hingeben sollte. Hier ist er schlicht ein Künstler der leidenschaftlichen Emotionen. Er glaubt, dass Schweden, Litauen und Polen sich verschworen haben, um über die Einbindung der Ukraine Krieg zwischen Europa und Russland zu entfesseln - als Rache für die Niederlage der Schweden bei Poltawa im Jahr 1709! Einigen mag dies wahnwitzig erscheinen. Aber der Künstler Kisseljow hat keine Angst vor scharfen Äußerungen und politischen Unkorrektheiten. Im makellosen britischen Tweedanzug und ehemals mit einer Engländerin verheiratet, wirkt er wie ein hundertprozentiger Europäer, der von Europa enttäuscht ist. Ebenso wie Putin lehnt er die europäischen Werte ab, weil sie die Basis für die Aktionen der Moskauer Opposition waren. Er beobachtet mit Interesse die Politik von Marine Le Pen und freut sich darüber, dass sie von dem in Russland verehrten Alain Delon unterstützt wird.

          Wenn Kisseljow es schafft, die Aufmerksamkeit des Westens auf die Schwächen seiner heutigen Zivilisation zu lenken, ist das für das Nachdenken über die Zukunft gar nicht so schlecht. Aber die konservativ-orthodoxe Richtung wird mein Land in die Sackgasse führen, und das ziemlich schnell. Daran werden auch markante Persönlichkeiten mit konservativer Überzeugung nichts ändern. Russland muss sich dem Westen zuwenden, um seine Zukunft zu finden.

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