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Putins Ukraine-Poesie : Obszöne Weisheiten

  • -Aktualisiert am

Gereizte Geste: Präsident Putin bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Emmanuel Macron. Bild: dpa

Wladimir Putin appelliert an die Ukraine mit einem Vers aus der obszönen russischen Folklore. Zugleich bricht ein hoher Militär den Stab über die Politik des russischen Präsidenten und fordert ihn zum Rücktritt auf.

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          Was die Stunde geschlagen hat, verdeutlichte der Auftritt des greisen rus­sischen Generalobersts außer Dienst, Leonid Iwaschow, der Präsident Putin in die Parade fuhr wie die Göttermutter Erda in Richard Wagners „Rheingold“ dem Walhallaherrn Wotan, der vom Goldring der Macht nicht lassen will. Der 78 Jahre alte Iwaschow, der als Verteidigungsstratege die NATO-Erweiterung lange vor Putin ablehnte, der als Nationalist und Monarchist die „russische Welt“ auch auf Kosten von Nachbarstaaten erweitern möchte, meldete sich wie ein Olympier aus grauer Vorzeit, um den Herrscher vor dem drohenden Verhängnis eines Angriffs auf die Ukraine zurückzuhalten. Russland sei heute nicht von außen be­droht, sondern werde von innen zerstört durch Korruption, Entvölkerung und die De­montage von Bildung und Medizin, erklärte der ultrapatriotische Militärführer und forderte Putin auf, zurückzutreten.

          Die­ser hat unterdessen beim Gespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Ma­cron seine Unzufriedenheit über die ukrainische Blockadehaltung gegenüber dem Minsker Abkommen von 2015 mit einem derben Vers aus der Gossenpoesie kundgetan, der viele Kommentatoren an Putins Jugend im Leningrader Kleinkriminellenmilieu denken ließ.

          Der Zweizeiler „Ob es dir gefällt oder nicht, meine Schöne, du musst es erdulden“ erinnerte Netznutzer an das Lied „Damit der Gast nicht geht“ der bei marginalisierten Ju­gend­lichen geschätzten Provokativpopgruppe „Roter Schimmel“ (Krasnaja Plesen), die für ihre Fluchsprache und den sadistischen, nekrophilen Hu­mor bekannt ist. Darin wird ein totes Mädchen besungen, an der ihr Ex­-Freund sich vergeht. Anderen fiel die Discogruppe „Kair“ ein, deren Song „Ob es dir gefällt oder nicht“ eine junge Frau, die eine miserable Haushälterin ist, auffordert, mit ih­rem Partner zufrieden zu sein.

          Doch offensichtlich hat Putin die Wendung aus der obszönen russischen Folklore genommen, die Sexualakte gern als fröhliche Vergewaltigung schildert, und aus der sich auch die Punker vom „Roten Schimmel“ be­dienen. Auch das traditionelle Tscha­stuschka-Scherzlied, aus dem der Vers stammt, schwelgt in Manneskräften, die weder vom Tod der Frau noch von dem des Lustsubjekts ge­bremst werden.

          Putin zitierte die Wen­dung mit dem erklärenden Zu­satz, das Minsker Abkommen müs­se halt um­gesetzt werden. Sein ukrainischer Amtskollege Selenskyj kommentierte, die Ukraine sei zwar tatsächlich „schön“, aber der Ausdruck „meine“ aus Putins Mund doch leicht übertrieben. Was aber das Dulden betreffe, so sei sein Land tatsächlich geduldig, so Selenskyj. Darin liege seine Weisheit, weshalb es auf Provokationen auch nicht mit Gleichem antworte.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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