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Putin-Versteher : Unser harter Hund

Populärer harter Hund, auch in Deutschland: Wladimir Putin Bild: dpa

Alice Schwarzer, Gerhard Schröder, Helmut Schmidt: Es ist schon eine sonderbare große Koalition der Putin-Verteidiger, die sich da gebildet hat. Das Völkerrecht wird zur Nebensache.

          Dass Alice Schwarzer mit Gerhard Schröder einer Meinung sein könnte, Klaus von Dohnanyi mit Sahra Wagenknecht und Helmut Schmidt mit Gregor Gysi, das hätte man bis vor kurzem kaum für möglich gehalten. Jetzt aber verteidigen sie alle Wladimir Putin, und der Journalist Jakob Augstein erklärt sie deshalb zu Repräsentanten der Stimme des Volkes: „Überraschung! Die Deutschen haben ihren eigenen Kopf“, schrieb er diese Woche auf „Spiegel Online“. „In der Krim-Krise servieren Journalisten und Politiker die Geschichte vom kraftstrotzenden Russen, der Völkerrecht bricht. Aber die Leute wissen: Die Wahrheit ist komplizierter.“

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man liest das, atmet kurz durch und ist kaum noch bereit, den argumentativen Verdrehungen in der Krim-Krise weiter zu folgen. Da wird jetzt also der Putin-Freund und Gasprom-Lobbyist Gerhard Schröder als eine Stimme zitiert, die sich „nicht mehr so leicht abtun“ lasse, weil sie die Politik und die Medien mit ihrem „Anti-Putin-Populismus“ zur Rechtfertigung zwinge? Da ist Helmut Schmidt, der sich mit seinen dahingeworfenen Ungeheuerlichkeiten laufend selbst diskreditiert („Wenn Hitler 1936 erschossen worden wäre, würde er heute als Held der Wirtschaftsgeschichte dastehen.“) und der in der „Zeit“ Putins Vorgehen „verständlich“ findet, nun unser Gewährsmann? Und ausgerechnet auch noch Alice Schwarzer, die dem Machismo Wladimir Putins offenbar einiges abgewinnen kann, wenn sie auf ihrer Homepage beschwört, dass Russland ohne einen Putin vermutlich in der „Faust der Mafia“ enden würde?

          Antiamerikanismus trifft Sowjetnostalgie

          Liest man in diesen Tagen „Der Mann ohne Gesicht“, das brillante Buch, das die russisch-amerikanische Journalistin Masha Gessen vor zwei Jahren über Wladimir Putin geschrieben hat, können einem solche Interventionen nur zynisch vorkommen. Gessen beginnt ihre Biographie bei der Legende vom Schlägertyp, die Putin selbst gerne erzählt: ein jähzorniger Junge, der sich seine Stellung in der Leningrader Hinterhofhierarchie mit Gewalt erkämpfte. Und sie zeichnet nach, wie er sich von seinem ersten Wahlkampf an als jemand empfahl, der nicht viel Worte macht, sondern auf die Überzeugungskraft von Gewalt vertraut.

          Dieser harte Hund ist in Deutschland jetzt sehr populär. Die Zustimmung für einen, der in einem angeblich unregierbaren Land für angebliche Ordnung sorgt, ist sogar so groß, dass man dafür die Bedeutung des Völkerrechts herunterzuspielen bereit ist: Klaus von Dohnanyi findet es zwar „nicht klug“ von Putin, die Krim annektiert zu haben, fordert aber, der Westen müsse jetzt Respekt für Russland zeigen. Helmut Schmidt zweifelt die Völkerrechtswidrigkeit der Krim-Annexion grundsätzlich an und meint, es sei umstritten, ob es überhaupt eine ukrainische Nation gebe. Gerhard Schröder bringt verteidigend hervor, dass er selbst auch gegen das Völkerrecht verstoßen habe – und führt allen Ernstes einen Vergleich mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien an, wo militärisch erst eingegriffen wurde, als angesichts eines Völkermords Sanktionen und endlose Verhandlungen zu nichts geführt hatten.

          Wie das Völkerrecht aus wirtschaftspolitischen Gründen, aus einem antiamerikanischen Impuls heraus oder aus Sowjetnostalgie so einfach zur Nebensache erklärt wird, das ist das Schockierendste an der ganzen Diskussion.

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