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Putin über die Ukraine : Wie im Hospiz

  • -Aktualisiert am

Wladimir Putin Ende Juni in Moskau. Bild: AFP

Während der ukrainische Präsident Deutschland besuchte, veröffentlichte Putin einen Artikel über „die historische Einheit“ der Russen und Ukrainer. Was genau schreibt er? Und wie antwortet die Politik Deutschlands?

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          Das waren ein kurzer Besuch und ein langer Text, und beide versprachen nichts Gutes. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kam nach Berlin, traf sich mit Kanzlerin Merkel, bat um den Baustopp von Nord Stream 2 und um Waffen und wurde höflich, aber entschieden abgewiesen. Am selben Tag veröffentlichte der russische Machthaber Wladimir Putin einen Artikel mit dem bedrohlichen Titel „Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer“, in dem er unverblümt behauptet, der ukrainische Staat sei an sich eine gegen Russland gerichtete Massenvernichtungswaffe.

          Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Weil die Ukraine Russen und Ukrainer nicht mehr ein Volk sein lasse, könne das russische Volk um Hunderttausende oder gar Millionen Menschen schrumpfen. Überhaupt sei die Ukraine eine Erfindung des Westens, das Projekt „Antirussland“. Dieses üble Projekt, fabuliert Putin, sei bereits im Mittelalter von Großfürstentum Litauen und der katholischen Kirche gestartet worden, und so sei es nur logisch, dass die heutigen ukrainischen Herrscher mit den Nazis sympathisierten.

          Zurschaustellung der eigenen Unbildung

          So geht es über 40 000 Zeichen, zwanzig Buchseiten im vertrauten Format. Es ist nicht leicht, sich durch dieses gewaltige (das Wort „gewaltvoll“ würde vermutlich noch besser passen) Machwerk zu kämpfen. Einige russische und ukrainische Historiker taten das und zeigten zahlreiche Falschbehauptungen, Faktenverdrehungen und Anachronismen auf. Diese Zurschaustellung der eigenen Unbildung wäre fast schon lustig, wären da nicht die Annexion der Krim, die andauernde Besatzung der Teile des Donbass und Passagen wie diese: Die Ukraine hätte 1992 die Sowjetunion in den Grenzen von 1922 verlassen sollen.

          Putin erwähnt nicht, dass viele Gebiete, die heute in Russland sind, 1922 zur Ukraine gehörten. Um sie geht es ihm auch gar nicht, sondern um die ukrainischen Regionen Galizien, Nordbukowina, Transkarpatien und die Umgebung von Odessa, die die UdSSR 1939–48 von Polen, Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei annektierte. Die Angebote, sich an der Zerschlagung der Ukraine zu beteiligen, unterbreitete Moskau manchen dieser Länder schon 2014. Damals kam der Vorschlag vom rechtsextremen Provokateur Wladimir Schirinowskij, dessen Funktion im heutigen Russland vor allem darin besteht, besonders radikale Ideen des Kremls zu artikulieren, um die Reaktionen zu testen. Jetzt kommt der Anstoß direkt von Putin, wobei es nicht ganz klar ist, ob er diese Regionen nicht doch für sich selbst beansprucht. Die Ukraine habe sowieso keine eigene Staatlichkeit, behauptet das russische Staatsoberhaupt, und heute werde sie ohnehin vollständig von außen regiert, nämlich wie schon 1918 von den Deutschen.

          In den vergangenen Jahren habe sich die Ukraine, das ärmste Land Europas, am russischen Gas bereichert, heute klammere es sich an die Gastransitzahlungen und inszeniere sich als Opfer der Aggression. Dabei werde in der Ukraine jetzt schon die Infrastruktur der Nato installiert. Die reale, nicht in Putins Fantasie existierende Ukraine kann von einer Integration mit der Nato nur träumen. Dieser Wunsch findet genauso wenig Gehör wie Selenskyjs Flehen, dem Albtraum vom Nord Stream 2 ein Ende zu setzten. Wir seien ein Volk, schreibt Putin, eine souveräne Ukraine gebe es nur mit Russland und den Weg zum Frieden, den die Ukraine jetzt ablehne, habe man in Minsk vereinbart. „Deutschland wird diesen Weg der Ukraine freundschaftlich begleiten“, sagte die Kanzlerin in Bezug auf Minsk bei der Pressekonferenz mit Selenskyj und lächelte dabei milde wie eine Sterbebegleiterin im Hospiz.

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