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Pussy Riot : Sinnlose Strenge

  • -Aktualisiert am

Mit ihrer harten Verfolgung von „Pussy Riot“ mobilisieren die russischen Machthaber vor allem hasserfüllte Dummköpfe und Zyniker - und treiben die Spaltung der Gesellschaft voran.

          2 Min.

          Die Richterin Marina Syrowa, die wegen angeblicher Bedrohungen zuletzt Personenschutz für sich und ihre Angehörigen erhalten hatte, erklärte Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch für schuldig an dem Verbrechen - wie sie es wiederholt nannte -, vorsätzlich eine große Zahl von orthodox Gläubigen beleidigt und ihre Tat, um damit ein möglichst großes Echo zu erzielen, minutiös geplant zu haben. Außerdem aktivierten die drei Frauen von Pussy Riot und ihre unbekannten Mittäter mehrere Blogger, die ihren kurzen Auftritt medial aufputzten und per Internet in Umlauf brachten. Strafverschärfend wertet die Richterin sogar die Aussage Maria Alechinas, Kirche und Staatsmacht hätten sich im heutigen Russland allzu sehr miteinander verbunden.

          Drei Symbolfiguren

          Vor dem Gerichtsgebäude hatten sich außer Journalisten Hunderte von Sympathisanten der drei Inhaftierten versammel. Unter ihnen waren der Korruptionsbekämpfer und Oppositionsführer Alexej Nawalnyj, der oppositionelle Duma-Politiker Dmitri Gudkow, der Menschenrechtskämpfer Lew Ponomarjow sowie die Schriftsteller Lew Rubinstein und Boris Akunin. Russische Ordnungshüter nahmen Dutzende von ihnen fest, etwa den Anführer der „Linken Front“ Sergej Udalzow und den Oppositionsaktivisten Garri Kasparow, der von den Polizisten sogar verprügelt wurde. In der Menge standen aber auch muslimisch gekleidete Frauen, von denen eine erklärte, sie sei für eine milde Bestrafung der wilden Mädchen. Man solle die drei zu öffentlichen Arbeiten verpflichten, beispielsweise Kloputzen, aber nicht ins Gefängnis werfen, sagte die Muslimin, die anmerkte, sie mache sich Sorgen um die Zukunft Russlands. Am Morgen der Urteilsverkündung setzten „Pussy Riot“-Sympathisanten etlichen Moskauer Statuen bunte Stoffmasken auf. Grelle Skikapuzen trugen eine Zeitlang der Nationaldichter Alexander Puschkin und seine Frau am Nikitskaja-Platz, der Universalgelehrte Michail Lomonossow vor der journalistischen Fakultät der Moskauer Universität sowie die Partisanen in der Metrostation Belorusskaja - alle drei Symbolfiguren für den Kampf für Aufklärung beziehungsweise Freiheit. Allerdings rissen entrüstete Metropassagiere den Bronzepartisanen ihre Kapuzen bald wieder ab.

          Zuletzt hatten immer mehr russische Prominente zu mehr Weisheit und Vernunft aufgerufen. Der Schriftsteller Boris Strugatzki stellte bekümmert fest, die Machthaber hätten durch die sinnlos strenge Verfolgung von „Pussy Riot“ vor allem die Grausamkeit hasserfüllter Dummköpfe und Zyniker mobilisiert, die Gesellschaft noch tiefer gespalten und in der Bevölkerung weniger Widerwillen gegen das Rowdytum als vielmehr gegen sich selbst geerntet.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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