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Pulitzer-Kommentar : Debattle-Rap

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg zum Klassiker: Kendrick Lamar bei einem Festival in Polen 2013 Bild: EPA

Auch die künstlerische Qualität von Rap kann man nach klassischen Kriterien bemessen. Da schneidet Kendrick Lamar hervorragend ab – und Kollegah als trübe Tasse.

          Der Pulitzer-Preis ist eine Auszeichnung, deren prinzipieller Bewertungsmaßstab die Öffentlichkeit, in der alle mit diesem Preis Ausgezeichneten wirken, als „Vierte Gewalt“ auffasst, welche die anderen drei Gewalten, also die funktionalen Abteilungen des Regierens, für Fehler, Willkür oder Korruption zur Rechenschaft zieht. In den Vereinigten Staaten ist das derzeit bitter nötig, weil die Staatsmacht sich in einer grotesken Figur bündelt, die Frauen verbal und tätlich erniedrigt, wenn sie nicht gerade Menschen, die von anderswo ins Land kommen, als Verbrecherpack stigmatisiert oder die eher bescheidenen und weitgehend symbolischen Fortschritte der Obama-Zeit in Richtung gesellschaftlicher Chancengleichheit zerstört. Der Pulitzer-Preis für den „#MeToo“-auslösenden Journalismus leuchtet vor diesem Hintergrund unmittelbar ein. Der Pulitzer-Preis für den Hiphop-Künstler Kendrick Lamar sollte das aber auch.

          Denn Lamar gehört zu den wenigen Kunstschaffenden, die den von Trump und vom Trumpismus fermentierten Zerfall eines der größten Gemeinwesen der Welt in identitätspolitische Not- oder Hassgruppen aufhalten könnten, indem sie Hiphop und andere junge kulturelle Äußerungstraditionen von Bevölkerungsgruppen, die Trump nicht versteht und ablehnt, als anziehende und virtuos bespielte Erfahrungsverstärker vom Radio bis zum Broadway („Hamilton“) nutzen. Wenn Leute, die nicht von Rassismus und zerrütteten Innenstadtzuständen betroffen sind, die Musik anderer hören, die diese Übel kennen, dann kann ein Informationsaustausch stattfinden, der die Verhärtung der Fronten konterkariert. Weil populäre Kunstformen in approbierter Kulturberichterstattung beiderseits des Atlantiks aber meistens nur dann vorkommen, wenn sich daran ein besorgniserregender sozialer Befund („Oh, diese Halbstarken!“) festmachen lässt, leidet das öffentliche Gespräch über sie an soziologistischen Verkürzungen. Das einschlägige Gerede verwechselt die soziale Wirkung einer Kunstäußerung dann gern mit deren Wert, als wäre etwa Rap nur eine Sozialtatsache, keine ästhetische.

          Aber Wirkung und Wert sind zweierlei: Hiphop wirkt, weil er Identifikationsangebote macht, aber der Wert des einzelnen Werks entspringt nicht der gelebten Echtheit oder cleveren Konstruktion dieser Angebote, sondern dem ästhetischen Rang des Werkes, also etwa der Vielfalt möglicher Auslegungen oder der Intensität des Kunsterlebnisses. Nach diesen Kriterien, die man an Sonetten und Arthouse-Filmen so gut erproben kann wie an Mikrofonzungenartistik, ist Kendrick Lamar ein Künstler von höchstem Rang, die trübe Tasse Kollegah aber ein Poseur vom Gymnasium, der Fragen nach der sozialen Legitimität seiner drohbrünstigen Gettogestik und der künstlerischen Qualität seiner verhauenen Reime mit dem überzüchteten Bizeps wegdrücken muss. Im einen der beiden Fälle ist die Wirkung der Werke, von ihrem Wert ganz abgesehen, komplex; im anderen, um mich einmal so unfeuilletonistisch auszudrücken wie hier nötig, zum Kotzen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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