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: Psychowurst mit süßem Senf

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Das Geheimnis eines richtig zubereiteten "Leberkäs' Hawaii" besteht - von der Garnierung mit Ananas und Ketchup abgesehen - erstens im völligen Verzicht auf die Beigabe von Eiweiß und zweitens darauf, daß er ganz schwarz gebraten sein muß.

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          Das Geheimnis eines richtig zubereiteten "Leberkäs' Hawaii" besteht - von der Garnierung mit Ananas und Ketchup abgesehen - erstens im völligen Verzicht auf die Beigabe von Eiweiß und zweitens darauf, daß er ganz schwarz gebraten sein muß. Soweit der Rezeptvorschlag von Gerhard Polt. An der Berliner Volksbühne hat man sich diesen Anweisungen schon ziemlich weit angenähert. Die nach der Aufführung gereichte bayerische Brotzeit jedenfalls offenbarte, daß der Kulturtransfer in die Hauptstadt gewaltig auf dem Vormarsch ist. Weißwürste wurden auf Senfbett in einem seitlich geschlitzten Brötchen gereicht; der Leberkäse war schwarz und mit einem Zahnstocher auf Mischbrot fixiert wie ein toter Käfer. Vor allem die Weißwurst-Darbietung überzeugte, daß der Berliner Cuisine hier etwas ganz Eigenes gelungen ist.

          Aber eigentlich ging es am Donnerstag ums Theater, oder vielmehr ums Theatertheater. Denn das neue, fünfköpfige Führungsteam, das die Bewerbung Regensburgs als europäische Kulturhaupstadt 2010 voranpeitscht, hat sich offenbar gedacht: Auffallen tun wir nicht daheim, sondern droben in Berlin. Man beschloß kurzfristig, den Reklamegeräuschregler auf vollen Anschlag zu schieben, und verpflichtete den Aktionskünstler Christoph Schlingensief. Wer Schlingensief bestellt, der bekommt ihn auch - soviel war vorher klar.

          "Keine Chance Regensburg" stand auf einem Banner, das die Volksbühne zierte, davor parkte triumphierend ein Regensburger Bus. Und tatsächlich war das halbe Theater voll mit politischer und kultureller Prominenz aus der Berzirkshauptstadt der Oberpfalz, die sich das Spektakel mit dem Untertitel "Die Kunst- und Gemüse-Gala 2010" nicht entgehen lassen wollte. Die Bühne, eine Rumpelkammer aus Wirtshaus und Stube, zwei Seitentüren, die ins "Gestern" und nach "2010" führten, dazu Bierkrüge, Sonnenblumen, Fahnen.

          Was die Zuschauer in knapp hundert Minuten zu sehen bekamen, war eine streckenweise infernalische Recyclingnummernrevue mit lederbehostem Moderator, schwarzen Bürgerrechtlern, einem in Gold geschlagenen Bischofsdarsteller, einer kieksenden Zwergin, einem Knabenchor aus Zehlendorf, der auf Domspatzen machte, jeweils einem Rudolph-Moshammer- und Johannes-Heesters-Double, einer ans Bett gefesselten ALS-Kranken, die mittels Lasertechnik Texte auf Videoleinwände zauberte. Dazu permanente Videobeflimmerung mit historischen Szenen, Hochwasserfluten, der winkende Fürstin Gloria, Bürgern, die ihre Einschätzung der Kulturhauptstadtbwerbung zum besten gaben - "da sträuben sich einem ja die Haare zu Berge".

          Geboten werden sollte ein "psychogeographischer Stadtrundgang", der beweisen sollte, daß "Geschichte voll von Spezialeffekten" sei. Hitler, Hakenkreuze, Zwangsarbeit, die Kirche, die "süßen, kleinen Pimmel" der Domspatzen, Asylbewerberabschiebung - die ganze Palette, musikalisch dröhnend als Zwölftonmusik verkauft. Inmitten dieser Kunstverwehung glänzte allein die formidable Blaskapelle Josef Menzl. Denn auch die gelegentlichen Kabarettansätze waren so was von radikal mutig: Oberbürgermeister Hans Schaidinger solle die Bewerbung zurückziehen und lieber sofort für die ALS-Forschung 200000 Euro spenden - niemand werde doch ernsthaft glauben, daß so ein Abend etwas bringe. Das ist einerseits die bittere Wahrheit, weil selten soviel Lärm veranstaltet wurde, nur um ein gedankliches Vakuum erst auszustellen und dann zu übertönen. Andererseits ist es natürlich nicht wahr, weil der Sinn des Abends eben jene Erzeugung von Lärm war - und das zumindest sollte gelungen sein. Auch wenn die Veranstaltung, gemessen am Applaus, eine Katastrophe war, die Regensburger nahmen es sportlich, und die Haupstsädter schienen an derlei Darbietungen gewöhnt zu sein.

          Die Bayern mühten sich redlich, keinem Interview aus dem Weg zu gehen, deshalb war man schließlich angereist. Vor allem der Bayersiche Rundfunk war auf Stimmenfang, und man konnte ahnen, welche Anstrengung es manchen Honoratioren gekostet haben muß, mit gespitzten Lippen und telegenem Lächeln zu Protokoll zu geben, der Abend sei schon sehr interessant gewesen, wenn auch nicht alle historischen Anspielungen wohl ganz durchdacht gewesen seien. Ein Gesandter des Erzbischofs soll dem Vernehmen nach die Spielstätte unverzüglich und unter Protest verlassen haben - was dafür spräche, daß der unlängst beerdigte Streit, der sich an einem gekreuzigten Frosch des Malers Kippenberger entzündet hatte (F.A.Z. vom 25.Januar), an anderer Stelle wiederaufleben könnte.

          Auch in der Gegenrichtung muß noch viel Aufklärung geleistet werden, das zeigte etwa der Video-Gastauftritt des Schauspielers Sepp Bierbichler. Der erzählte einen Witz: Ein Bergbauer schickt seinen Knecht ins Tal, um Vorräte für den langen Winter zu besorgen, unter anderem soll der Knecht zweihundert Pariser besorgen. Vollbepackt und fluchend kommt er zurück: Pariser habe er nicht gefunden, deswegen habe er Regensburger mitgebracht. Die Stille im Publikum offenbarte die tiefe semantische Kluft zwischen Donau und Spree. Ein "Pariser" bezeichnet im tiefen Süden ein Kondom, und Regensburger sind - ungleich schwerer wiegend - Würste.

          Daß der Herr Oberbürgermeister selbige regelmäßig mit den minderen Knackern verwechsle und ihm dies den Zorn der örtlichen Metzger eintrage, war eine der tieferen Erkenntisse des Abends. Merke: Regensburger gelten wegen des höheren Rindfleischanteils als gehaltvoller. Es geht also für die Stadt weiter um die Wurst, auch im übertragenen Sinn. Bereits am kommenden Montag soll ein weiteres Reklamebömbchen gezündet werden. Regensburger oder Knacker, das ist jetzt die Frage. HANNES HINTERMEIER

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