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Pseudowissenschaft in Russland : Wissenshunger

  • -Aktualisiert am

Gewagte Methode: Börsenvorhersagen mithilfe einer Glaskugel treffen Bild: dpa

Eine Kommission an der Russischen Akademie kämpft gegen Pseudowissenschaft. Dazu hat sie ein Preis für Wahrsager ausgeschrieben, die unter experimentellen Bedingungen ihre Fähigkeiten nachweisen sollen.

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          Das menschliche Streben nach Glück ernährt die Erkenntnissuche und den Wunderglauben gleichermaßen. Dass der Kampf gegen wissenschaftliche Scharlatanerie nicht zu gewinnen ist, weiß man nirgends besser als in der Kommission zur Bekämpfung dieser Pseudowissenschaft, die an der Russischen Akademie der Wissenschaften den wechselnden Frontverlauf verfolgt.

          Ihre neue Waffe ist der im vergangenen Jahr ausgeschriebene und nach dem österreichisch-amerikanischen Entfesselungskünstler Harry Houdini (1874 bis 1926) benannte Preis für russische Wahrsager, deren Fähigkeiten man unter experimentellen Bedingungen tatsächlich nachweisen kann. Als Lohn winken zwölftausend Euro, die sich freilich noch kein Kandidat verdienen konnte.

          Je weniger seriöse Forschung, desto mehr Pseudowissenschaft

          Eine Frau, die behauptete, sie könne Dingen ansehen, wem sie gehören, landete bei dem Versuch, zwölf Pässe ungeöffnet ihren Besitzern zu übergeben, keinen einzigen Treffer. Zwei andere Damen, die angeblich spirituell Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen können, tippten, als sie zehn Fotos zehn verschiedenen Todesumständen zuordnen sollten, jedes Mal daneben.

          Parallel dazu vergibt die Kommission einen Antipreis für besonders unverfrorene Scharlatanerie unter dem Gütesiegel der Wissenschaft. Den erhielt soeben das „System der freiwilligen Zertifizierung von Parapsychologen, Geistheilern und Esoterikern“, das bei der russischen Agentur für Metrisierung „Rosstat“ eingetragen, also staatlich anerkannt ist. Das System hat reinen Meldecharakter und stattet gegen Gebühr Personen, die übernatürliche Fähigkeiten in sich spüren, mit einem offiziellen Dokument aus. Sein Schöpfer, der Ombudsmann für die Rechte der Esoteriker Ruschan Simbatulin, selbst ein Geistheiler, betont, man wolle die verehrten Kollegen auf keinen Fall kontrollieren, sondern ihnen nur brüderlich helfen.

          Das Verhältnis zur Pseudowissenschaft sei ein Lackmustest für die Gesellschaft, findet der Physiker Jewgeni Alexandrow, ein Mitglied der Kommission. Je weniger ihr seriöse Forschung wert sei, so Alexandrow, desto mehr floriere die Scharlatanerie. Ein Problem sei auch, dass oft inkompetente Manager, deren Macht allein auf ihrer Loyalität beruht, über die Förderungswürdigkeit wissenschaftlicher Projekte entschieden, weiß der Gelehrte.

          Wie sich Inkompetenz und Eigennutz verketten, zeigt die Reaktion Simbatulins, der seinen Antipreis sogleich „missverstand“. Auf der Internetseite der Psychologen-Akademie freut Simbatulin sich, dass er für seine besondere Hingabe an die Wissenschaft ausgezeichnet worden sei. Dank der Kommission finanziert der russische Staat heute weniger Pseudohochtechnologie. Die Konjunktur der Geistheiler jedoch bleibt ungebrochen. Trotzdem würde der sibirische Physiker Dmitri Kwon die Kommission seines Kollegen Alexandrow am liebsten auflösen. Denn: Wenn jemand verrückt wird, so Kwon, sollte man ihn dabei nicht stören.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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