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Prozess gegen Pussy Riot : Die Gebete der moralischen Voyeure

  • -Aktualisiert am

Die drei angeklagten „Pussy Riot“-Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch Bild: Prozess gegen Pussy Riot/AFP

Traurige Popen, popelige Politiker und Madonna: Der Gerichtsprozess gegen „Pussy Riot“, der mit dem Urteil am 17. August sein Ende finden soll, entlarvt auf vielen Ebenen.

          Wegen des internationalen Aufruhrs hat der Kreml den historischen Urteilsspruch über die drei Punk-Rockerinnen von „Pussy Riot“ auf den Wochenendtermin nach dem Schluss der Olympischen Spiele in London verschieben lassen. In der Atempause, die bis zum kommenden Freitag anhalten wird, klingen die emotionalen Schlussworte von Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch nach. Darin singen die Angeklagten nicht nur das Hohelied der Freiheit, sondern berufen sich auch auf das Christentum, dem sie, wie einige orthodoxe Fundamentalisten und hohe Patriarchatskleriker finden, mit ihrem Anti-Putin-Veitstanz in der Christi-Erlöser-Kathedrale schweren Schaden zugefügt hätten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Christentum nämlich bedeute Wahrheitssuche, erklärte Nadeschda Tolokonnikowa, die als Mitglied der radikalen Performance-Gruppe „Woina“ vor vier Jahren an der Gruppensexorgie im Darwinmuseum und der rituellen „Verhaftung“ eines Dorfpolizisten beteiligt war. Deshalb sei Christus auch bei den Strauchelnden, den Ehebrecherinnen gewesen, verkündete die zweiundzwanzigjährige Feministin aus dem einst für Michail Chodorkowski speziell gefertigten Angeklagten-“Aquarium“. Für die zweite der „Riots“, die junge Mutter Maria Alechina, kommt die paranoid-sadistische Reaktion der Machthaber auf ihren dummen Auftritt vor einem halben Jahr einer schlimmen Krankheitsdiagnose gleich. Deswegen werde das Ideal christlicher Demut auch vertauscht mit dem Imperativ der Grausamkeit, stumpfen Sklavengeistes und Automatismus.

          In der Religion geirrt

          Der Missionar und Theologe Andrej Kurajew, eine einsame Stimme menschlicher Vernunft in der russischen Kirche, hofft jetzt auf eine Bewährungsstrafe, eine Verpflichtung zu öffentlichen Arbeiten oder zum Besuch von Benimmkursen für die drei Frauen. Jede weitere Haftstrafe werde aus ihnen nur Märtyrerinnen machen und damit unbedingt auch Volksheldinnen, glaubt Kurajew, der dabei an die Anarcho-Terroristin Vera Sassulitsch im späten Zarenreich denkt, die nach ihrem Politikerattentat durch ein von ihr charmiertes Geschworenengericht freigesprochen wurde.

          Madonna sagte, sie bete für die Freilassung der drei Musikerinnen

          In Russland mangele es erfahrungsgemäß nie an extremistischen jungen Menschen, mahnt Kurajew. Der Moskauer Diakon, der, um seine Unabhängigkeit zu bewahren, sich bewusst nicht zum Priester weihen lässt, kritisierte auch die relativistisch taktische Argumentation von Präsident Putin, der die Verwahrungshaft der Punk-Provokateurinnen als geradezu human hinstellte, im Vergleich mit dem, was ihnen passiert wäre, hätten sie ihr „Gebet“ in einer Synagoge oder Moschee aufgeführt. Wer solches sage, habe sich offensichtlich in der Religion geirrt, so Kurajew, und träume insgeheim von einem Christentum ohne Bergpredigt. Das lustvolle Sichausmalen, wie Angehörige anderer Religionen die Sünde gewaltsamer Rache verüben, erinnere ihn an den Bischof aus Boccaccios „Decamerone“, der die physischen Reize einer Hure als passiver Beobachter genoss, ohne sie zu berühren. Der Geistliche nennt dergleichen Übungen „moralischen Vouyeurismus“.

          Der Spätsommer des westlichen Feminismus

          Freilich stülpt der Voyeur die eigenen Wunschprojektionen über die Wirklichkeit. Denn in der Hauptmoschee von Kasan, wo der Karikaturist Andrej Bilscho fragte, wie man dort auf einen Auftritt nach der Art von „Pussy Riot“ reagiert hätte, sagten ihm die Gläubigen: Wenn dergleichen wie im Moskauer Fall außerhalb des Gottesdienstes stattgefunden hätte, wären die Mädchen einfach verjagt worden. Das Gleiche war von dem Imam im nordrussischen Wologda zu hören. Umso erschütternder findet es der orthodoxe Religionswissenschaftler Valeri Otstawnych, dass während des Prozesses gegen „Pussy Riot“ kein einziger von Russlands Zehntausenden Priestern zum Gericht gekommen sei, um - freilich bei vollem Risiko, dafür mit Berufsverbot belegt zu werden - mit dem Publikum zu sprechen und die verfeindeten Parteien zur Versöhnung aufzurufen. Otstawnych, der als Zeuge geladen, aber nicht vorgelassen wurde, betete im Gerichtsgebäude für die Inhaftierten und erklärte, er wolle damit auch verhindern, dass das Ansehen seiner Kirche vollends in den Abgrund stürze.

          Die aggressiv unterwürfig Frömmelnden, auf die sich die Anklage stützt, sind für den Theologen „klinisch verkirchlicht“. Wie die „Union orthodoxer Bannerträger“, die es als Beeinflussungsversuch der Justiz bewertete, dass die Pop-Göttin Madonna bei ihrem Moskauer Konzert die Tat von „Pussy Riot“ als mutig und keineswegs gefährlich für Kirche und Regierung bezeichnete. Die drei Mädchen Nadja, Katja und Mascha hätten einen hohen Preis gezahlt, sagte Madonna. Sie bete für ihre Freilassung, bekannte das Pop-Idol, bevor sie die Fans animierte, F-Worte zu skandieren, wofür sie sich mit russischen Flüchen revanchierte. Und damit, dass sie ihr Top abstreifte.

          Oberkörpermäßig nur mit einem BH bekleidet, kehrte sie der johlenden Menge den Rücken zu, auf dem „Pussy Riot“ geschrieben stand. Dann zog die Diva sich eine schwarze Skimaske über den Kopf und gab eine langsame, elegisch begräbnisartige Version ihres Evergreens „Like a Virgin“. Vor blutrotem Vorhang tanzte und sang die dreiundfünfzigjährige Diva halb nackt einen irisierenden Walzer, bei dem sie die überdehnten Klänge und Verse und wohl auch die eigenen Jahre schmerzlich auskostete und den Spätsommer des westlichen Feminismus unvergesslich verkörperte.

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