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Prozess : Erdogan will kein Gollum sein

In diesen Spiegel möchte der türkische Präsident nicht blicken: der Gollum aus dem „Herr der Ringe“ Bild: dapd

Der türkische Präsident Erdogan möchte nicht mit Gollum verglichen werden - einer glitschigen Figur aus Tolkiens „Herr der Ringe“. Doch was hat er hier eigentlich zu fürchten?

          Vergleichen ist das eine, gleichsetzen das andere. Im Internet ist ein Format seit längerem beliebt, bei dem Nutzer die Fotos zweier Menschen kommentarlos nebeneinanderstellen: Mesut Özil neben Hans Rosenthal, Andrea Ypsilanti neben Sarah Palin, Bernie Ecclestone neben Andy Warhol und dergleichen mehr. Manchmal, wie im Fall der hitlerähnlichen Katzen, braucht es auch kein Vergleichsbild. Das ist meist mäßig witzig, auch was da ähnlich sein soll, erschließt sich nicht immer. Das Format lebt aber davon, dass da zwei zusammengebracht werden, die man sonst kaum miteinander verbunden hätte. Das kann zu Irritationen führen, außer bei Katzen, denen es vermutlich egal ist, wen wir in ihnen erkennen. Gegenwärtig steht der türkische Arzt Bilgin Ciftci vor Gericht, weil er im Internet Fotopaare verbreitete: rechts der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, links eine fast kahlköpfige gnomenhafte Gestalt mit wenigen, dafür spitzen Zähnen und Glupschaugen.

          Hat Ciftci etwa seinen Präsidenten verunglimpft, indem er ihn mit Gollum verglichen hat, einer Gestalt aus dem Kosmos des englischen Dichters J. R. R. Tolkien, wie ihn der Filmregisseur Peter Jackson auf die Leinwand brachte? Während das Gericht noch Experten prüfen lässt, ob der Vergleich mit dem schleimigen und hinterhältigen Rohfischfresser Gollum als Beleidigung einzustufen ist, meldete sich Peter Jackson, Regisseur der Verfilmung des „Herrn der Ringe“, zu Wort, sicher in bester Absicht: Die anstößigen Filmbilder zeigten keineswegs Gollum, sondern den netten Sméagol, Gollums früheres Ich.

          Optisch allerdings macht das kaum einen Unterschied - Sméagol war durch den Besitz des großen Rings langsam zu Gollum mutiert und ähnelt auf den Fotos kaum noch dem fröhlichen behaarten Hobbit, der er einst war. Auch moralisch ist Sméagol sicher der fragwürdigere Charakter: Gollum, vom Ring vergiftet und besessen, kann gar nicht anders. Sméagol aber, ein Hobbit auf der schiefen Bahn, ermordet seinen Cousin aus freiem Willen, um sich den Ring überhaupt zu verschaffen. Vielleicht sollten Ciftcis Anwälte doch auf „Gollum“ plädieren. Schlimm genug, dass sie überhaupt plädieren müssen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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