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Provokante Comic-Ausstellung : Angst vor Bildern

  • -Aktualisiert am

Eine Comic-Ausstellung mit provokantem Inhalt an der Universität Duisburg-Essen wurde nach dem Protest einer Studentin vorzeitig geschlossen. Doch damit verweigert sich die Hochschule ihrer Aufgabe.

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          Die Universität Duisburg-Essen wirbt mit dem Slogan „Open-Minded“. Das heißt aufgeschlossen, vorurteilsfrei. Universitäten sollten genau das sein: offen. Und sie sollten diese Offenheit an die Studenten weitergeben - in Form von Bildung. Diese Toleranz-Botschaft prangt auch in der linken oberen Ecke eines Plakats, das eine Ausstellung im Institut für Anglophone Studien in Essen ankündigte: „What Comics can do! - Recent Trends in Graphic Fiction“ heißt sie. Das Plakat zeigt einen Globus, auf dessen Oberfläche in jedem Grad-Abschnitt eine andere Comicfigur herausschaut: Spiderman, Turtles, Popeye, Tim und die Maus, alle sind dabei. Eine Welt, viele Gesichter.

          Das Vermeiden der Debatte

          In der Schau war auch ein Blatt mit drei Zeichnungen aus Craig Thomsons Comic „Habibi“ zu sehen. Der dicke Band erschien 2011. Acht Jahre hatten seine Anhänger darauf warten müssen, nachdem sein erstes Buch „Blanket“ preisgekrönt wurde - wegen seiner Humanität und Wahrhaftigkeit. „Habibi“ hat 672 Seiten, auf denen sich der meisterhafte Zeichner aus Michigan hineinwühlt in die Regeln der arabischen Kalligraphie. So phantastisch seine Linienführung ist, so drastisch sind die Inhalte; über sie wurde in Zeitungen und Internetforen bis ins letzte Detail gestritten. Der Vorwurf: Der Band sei geprägt von einem westlichen Blick, Szenen erinnerten an die Orientalisten im Europa des neunzehnten Jahrhunderts, an Delacroix oder Gérome.

          Die Geschichte spielt in einem erfundenen Sultanat, seine Figuren sind Dodola und Zam, zwei Sklavenkinder. Er vermischt munter Bibel und Koran, bewusst klischeebeladen, explizit in den Szenen. Das ausgestellte Blatt in der Essener Uni zeigt die Vergewaltigung einer Frau durch einen arabisch aussehenden Mann, daneben steht in Kalligraphie „Allah“. Eine muslimische Studentin hat jetzt das Plakat eigenmächtig abgehängt. Die Universität tat nichts - und schloss gleich ängstlich die ganze Ausstellung vorzeitig. Es sei „selbstverständlich, dass auf religiöse Gefühle Rücksicht genommen werde“, sagte der Rektor. Die bekannten Statements folgten: Das Motiv sei eine Herabsetzung und Beleidigung ihres Gottes, und es sei ein gutes Zeichen, dass das Plakat nicht wieder aufgehängt worden sei, so der Vorsitzende des Islamischen Studierendenbundes.

          Wie aber ist es möglich, dass ausgerechnet an einem geisteswissenschaftlichen Institut eine solche Debatte gescheut wird? Die Entscheidung zeugt von der dramatischen Fehleinschätzung, man könne dieses Problem durch Wegducken lösen. Eine Universität, die für Aufklärung steht, muss sich der Auseinandersetzung stellen. Worten kann man widersprechen: Man sagt, an einer Universität am besten mit guten Gründen, das Gegenteil. Aber Bilder zu negieren, indem man sie abhängt, bricht das Gespräch ab. Einer Universität angemessen wäre es, die Ausstellung anzusehen und über das Gesehene zu streiten. Kritisches Sehen ist ein Bildungsziel.

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