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Real Madrid : Von Kampfmoral überrollt

Mit einem Mann weniger 2:1 gewonnen, und das gegen Real Madrid: Deportivo Alcoyano feiert das Weiterkommen im Pokal. Bild: EPA

Der Provinzklub Deportivo Alcoyano gilt in Spanien als Vorbild für Siegeswillen. Jetzt hat der Drittligist es abermals bewiesen und Real Madrid blamiert.

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          Über einen, der nie aufgibt, sagt ein spanisches Sprichwort, er habe „mehr Moral als Alcoyano“. Dass sich der Begriff „Moral“ hier nicht auf Anstand und Schicklichkeit bezieht, sondern auf puren, sturen Kampfgeist, ist noch das Einfachste an der Sache. Denn der Ursprung des Sprichworts liegt im Dunkel der Frühgeschichte des spanischen Fußballs.

          Alcoyano ist das Adjektiv zu Alcoy, einer mitten in den Bergen gelegenen Ortschaft nicht weit von Alicante. Und Deportivo Alcoyano heißt der drittklassige Fußballverein, der seine beste Zeit in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte, als er sich vier Spielzeiten lang in der ersten Liga halten konnte. Damals war Alcoy vor allem wegen seines guten Zigarettenpapiers bekannt. Woher also die „Moral von Alcoyano“? Eine Theorie sagt: Als die Mannschaft im Jahr 1943 mal mit 1:7 zurücklag und der Schiedsrichter die Partie eine Minute zu früh abpfiff, sollen die Spieler von Alcoyano ihn bestürmt haben, weiterspielen zu lassen, weil sie offenbar daran glaubten, den Rückstand aufholen zu können. Andere erzählen dieselbe Geschichte beim Stand von 0:13. Wieder andere sagen: Wenn ein Spieler einen Eckball schießt und dann in den Strafraum sprintet, um seinen eigenen Eckball per Kopf zu verwandeln, das ist die Moral von Alcoyano!

          Ein Klassetorwart von 41 Jahren

          Während alle Welt am Mittwoch über die Amtseinführung Joe Bidens sprach, über Lady Gaga und Amanda Gorman, machten es sich die Bewohner von Alcoy vor dem Fernseher gemütlich, um ihren Klub beim Pokalspiel gegen Real Madrid anzufeuern, dritte Liga gegen erste, die Nobodys gegen den berühmtesten Gegner der Welt. Das erste Gegentor fiel erst kurz vor dem Pausenpfiff. Auch dass Real teils mit der zweiten Garnitur angetreten war, dürfte geholfen haben. Und dann schoss Alcoyano zehn Minuten vor Schluss den Ausgleich. Und ihr Torwart, ein Mann von 41 Jahren, fischte alle gefährlichen Bälle weg, ein Teufelskerl. Und dann ging es wirklich in die Verlängerung, eine Sensation! Leider verlor Alcoyano kurz darauf einen Mann durch Platzverweis, und Real hatte längst seine Stars aufs Feld geschickt, um die Blamage abzuwenden, Toni Kroos, Benzema, Hazard, zusammen mehr als fünfzig Millionen Euro Jahresgehalt, es wäre doch gelacht gewesen, wenn diese Superhelden gegen die Gurkentruppe auf dem Dorfplatz nicht ein Tor zuwege gebracht hätten.

          Aber sie schafften es nicht. Sie spielten an gegen die Gefahr, sich lächerlich zu machen, doch die Moral war auf Seiten des Gegners, das Sprichwort kam ja nicht aus dem Nirgendwo. Und dann schoss ein Spieler, dessen Namen bis dahin kaum ein Mensch je gehört hatte, in der 115. Minute den Siegtreffer für Alcoyano. Ein Jammer, dass kaum jemand im Stadion war, um ihn zu feiern. Wenn künftig jemand fragt, woher dieses komische Sprichwort kommt, dann werden sie sagen: Wer das wüsste! Aber dass es wahr ist, daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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