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Proust und die Medizin : Sein Leiden führte ihm die Feder

„Toujours au lit“: Marcel Proust am bevorzugten Ort seines Schreibens Bild: culture-images/Lebrecht

Vorausdeuter der Hirnforschung, physiologisch gebildeter Ästhet und Leidender im Dienst der Kunst: Marcel Proust wird als Brückenfigur der Wissenschaftsgeschichte entdeckt.

          5 Min.

          Marcel Proust war krank, fast immer. Seit er mit zehn Jahren seinen ersten Asthma-Anfall erlitt, war sein Leben vom Leiden bestimmt. Ausgezehrt und eingehüllt in viele Decken, verbrachte er die letzten zehn Jahre in einem eisig feuchten Zimmer in der Rue Hamelin. Er lüftete nicht, aß wenig und verließ kaum noch das Bett, in dem er an der Grenze zur totalen Erschöpfung sein Werk fortschrieb. Proust, selbst Sohn eines angesehenen Hygieneforschers, war ein schwieriger Patient, der ärztliche Diagnosen verwarf und die Einnahme von Medikamenten verweigerte. Noch gegen die Behandlung der Lungenentzündung, an der er schließlich starb, setzte er sich zur Wehr. Neben dem Asthma, seinem Hauptleiden, plagte ihn eine halbe Legion echter oder eingebildeter Krankheiten von Verdauungsstörungen über Schlaflosigkeit bis zur Neurasthenie. Mit Asthmazigaretten und Legras-Pulver versuchte er, sich selbst zu kurieren und verstrickte sich nur weiter in den Leidenskreislauf. Die oft überdosierten toxischen Wirkstoffe seiner Kuren brachten psychische Auflösungserscheinungen in Gang.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Proust wusste um die schöpferische Potenz der Leidenszustände, die geschärfte Wahrnehmung des Kranken, und kultivierte seine Krankheit strategisch im Dienst seines Werks. „Obschon es mich erbittert, dass ich an so unerträglichen physischen Schmerzen leide, die besonders in den letzten Monaten die unentrinnbaren Begleiter meines Kummers gewesen sind, hänge ich an diesen, meinen Leiden, und der Gedanke ist mir verhasst, sie könnten von mir gehen“, schrieb er 1917 an die Prinzessin Soutzo. Von hier hat die Proust-Forschung ihren morbide funkelnden Mythos, dass ihm das Leiden gewissermaßen die Feder führte. Sein Opus Magnum „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist dann nichts anderes als die planvolle Überführung seiner Lebenskräfte in die höhere künstlerische Form.

          Das profunde medizinische Wissen, das Proust sich erwarb, ist an vielen Stellen in sein Werk eingegangen. Die „Recherche“ ist eine detaillierte Bestandsaufnahme der Symptomleiden der Belle Epoque, bevölkert von Neurasthenikern, Aphasikern und Asthmakranken. Proust selbst sprach vom radiographischen Blick, mit dem er das Personal seiner Époche durchleuchtete. Es war ein physiologisch geschärfter, aber mitfühlender Blick. Aus der eigenen Leidenserfahrung öffnete Proust die Begriffsränder des medizinischen Diskurses.

          Lesen als Therapie?

          Die Marcel-Proust-Gesellschaft wunderte sich in Lübeck selbst etwas darüber, dem in Leben und Werk des Autors so dominanten Motiv des Medizinischen erstmals zum Gegenstand ihrer Jahrestagung gemacht zu haben. Die späte Themenwahl verdankt sich der Zusammenarbeit mit dem lokalen Institut für Wissenschaftsgeschichte, was damit zu tun hat, dass die Neurowissenschaften Proust als Inspirationsfigur entdeckt haben.

          Man hört in der Hirnforschung neuerdings viel von „Proustian Effect“ und „Proustian Memory“. Die neurologisch angeleitete Leseforschung entdeckte mit Proust die Tiefenlektüre. Was das Körperliche, das Emotionale und das synästhetische Zusammenspiel bei Wahrnehmung und Gedächtnis für eine Rolle spielen, wie Repräsentationen unterdrückt werden und wieder ins Bewusstsein gelangen, das sei bei Proust intuitiv vorausgedacht und werde erst jetzt von den neurowissenschaftlichen Modellen eingeholt. „Sollte der Suhrkamp Verlag die ,Recherche’ in Apotheken verkaufen?“, fragte der Hamburger Romanist Marc Föcking kokett.

          An der Physiologie geschult

          Proust war zunächst ein Nachahmer. Seine Gedächtnistheorie baute er auf den medizinischen Schriften seiner Zeit auf. Der Genfer Proust-Forscher Edward Bizub zeigte in kunstvollem Wechsel zwischen Leben und Werk, wie ihm die Experimentalpsychologie Théodule Ribots die Vorlage für den Mechanismus der unfreiwilligen Erinnerung liefert und jene Epihanie-Momente herleitet, in denen die verlorene Erinnerung im Ringen mit der Gegenwart die Schwelle des Unbewussten überschreitet und ein tieferes Selbst die Regie übernimmt.

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