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Proust und die Medizin : Sein Leiden führte ihm die Feder

Das Vorbild für die Theorie des körperlichen Gedächtnisses entnahm Proust der psychotherapeutischen Methode Paul Solliers, von dem er sich im Kampf gegen seine Schreibhemmung selbst behandeln ließ. Sollier setzte auf die Stimulierung des Körpers und die Steigerung der Empfindung, in der frühen Erkenntnis, dass die spontane Erinnerung des Körpers der bewussten vorausgeht. Ganz in diesem Sinn begibt sich auch der Erzähler der „Recherche“ schließlich ins Sanatorium, um jene andere Persönlichkeit zu erwecken, die er zum Autor seiner Erinnerungen bestimmt.

Verlorene Erinnerung, gewonnene Pfunde

Die Vertreter der Neurowissenschaften, durchweg Proust-Kenner, führten die Analogien auf molekularer Ebene weiter. Die Heidelberger Neurobiologin Hannah Monyer verortete die neuronalen Korrelate für die körperliche und räumliche Erinnerung in Hippocampus und enthorinalem Kortex und lieferte den gehirnphysiologischen Nachweis für Prousts Einsicht in die Veränderlichkeit der Erinnerung.

Der Lübecker Mediziner Achim Peters ging noch einen Schritt weiter und brachte Prousts Theorie emotionaler Erinnerung in immerhin nachvollziehbaren Zusammenhang mit der Übergewichtsforschung. Die Energieversorgung des Körpers und das emotionale Gedächtnis laufen beide über die Amygdala. Wird diese Zone durch Trauma oder Stress deaktiviert, kann sich dies psychisch in der Blockade der emotionalen Erinnerung und physisch in Gewichtszunahme niederschlagen. In der „Recherche“ betrifft es die verlorene Erinnerung an die Zeit von Combray, die erst durch das von Peters filigran nachgezeichnete Zusammenspiel aller Sinne beim Schmecken der Madeleine wiedererwacht. Bewundernd sprach Peters von Prousts tiefem Einblick in die Gleichgewichtszustände des Körpers.

Die Proust-Forschung musste sich von ihm auch die Frage gefallen lassen, ob der feingliedrige Proust einen Stressbauch als Zeichen einer depressiven Veranlagung hatte. Was immer noch etwas komisch wirkte und für die Werkdeutung steril bleibt, aber das ernsthafte Interesse war doch erkennbar. Zumal erst gar nicht versucht wurde, die Deutungshoheit über die ästhetische Erfahrung zu fordern.

Überwindung des Terminus

Vom Übergewicht naturwissenschaftlicher Sprechweisen doch etwas erdrückt, versuchten mehrere Vorträge die ästhetische Erfahrung zu retten. Prousts Ästhetik ist physiologisch fundiert, aber keine physiologische Ästhetik. Proust steht nicht mehr auf dem Boden der Erkenntniseuphorie des neunzehnten Jahrhunderts und des Glaubens an die Beherrschbarkeit psychischer Phänomene. Wie umspielt er das Regime des positiven Wissens?

Die Oxforderin Anna Magdalena Elsner zog als Beispiel die „intermittences du coeur“ heran, denen in der „Recherche“ ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Der Begriff lässt sich physiologisch im Anklang an den Physiologen Xavier Bichat als Herzrhythmusstörung verstehen, knüpft aber auch an die philosophische Tradition des Vitalismus an. Elsner sah die „Recherche“ im Übergang von der Tradition des philosophisch und humanistisch gebildeten Arztes zum professionellen Diagnostiker. Bichat steht noch für das doppelte Profil. Doktor Cottard ist in der „Recherche“ schon stumpf für das humanistische Ethos, das man an ihn heranträgt.

Boris Gibhardt (Paris) sprach über Prousts Skepsis, Krankheiten über ihre Symptome fassen zu können, am zentralen Beispiel der Melancholie. Proust zog sie dem medizinischen Terminus Neurasthenie bei ähnlicher Symptomlage vor. Die Melancholie bleibt resistent gegenüber dem terminologischen Zugriff. Wie die Neurasthenie meint sie Antriebsschwäche und Gleichgültigkeit, steht aber auch für schöpferische Genialität, höchste Erregbarkeit und die Konzentration aufs Abwesende und Unerreichbare. In dieser Ambivalenz werde bewusstgehalten, was sich der präzisen Sagbarkeit entzieht: ein Tieferes, Vieldeutiges, das sich erst aus der Lebensgeschichte und in der Nuance erschließt. In der „Recherche“ steht sie für den Zweifel am Sinn der Kunst.

Vom Zweifel beschlichen, ob die neurowissenschaftlich informierte Ästhetik tiefere Gründe nicht durch einfache Stimuli ersetzt, wahrte man in Lübeck bei der freundlichen Umarmung maßvolle Distanz. Es gelang die Verteidigung ästhetischer Erfahrung gegen die therapeutische Vereinnahmung. Man konnte von einem wiedergefundenen Proust sprechen.

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