https://www.faz.net/-gqz-6w70n

Protestkultur : Endlich ist alles schwindlig

  • -Aktualisiert am

Anonyme Heldin: Für das „Time“-Magazin ist „The Protester“ die Person des Jahres Bild: Kat Menschik

Der heroische Anführer steht auf der Liste der bedrohten Arten: Proteste organisieren sich heute ohne ihn. Wer sie verstehen will, muss sich an die Sache halten.

          Jede Protestbewegung geht einen anderen Weg, und die Geschichte ist selten gnädig, aber eine Botschaft können wir aus dem verrückten Jahr 2011, aus der Arabellion, aus den russischen, ukrainischen, ungarischen Protesten, aus den Zeltlagern in Israel und Madrid, der Indignés und aus der Occupy-Bewegung schon ziehen: Sie folgen niemandem mehr.

          Damit können wir eine neue Spezies auf die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten setzen: den heroischen Anführer, der eine Bewegung sammelt und ihr eine Richtung weist - jedem kommen da die Posen von Lenin und Bonaparte in den Sinn; im Wissen um das, was dann in der gewiesenen Richtung wartete, finden wir sie traurig und ermüdend. Aber es gab ja auch weit harmlosere Varianten, eigentlich kennt jeder WG-Erfahrene, einstige Aktivist den Typus des grimmig dreinblickenden Daueragitierers mit dem sonoren Bass, der noch aus jeder Wartegemeinschaft an der Bushaltestelle einen sturmbereiten Mob zu machen versteht, der von Frauen und Männern gleichermaßen angeschmachtet wird und sich durch die Klarheit seiner Meinungen ebenso auszeichnet wie durch seinen fehlenden Sinn für Humor. Solche brauche man eben, flüsterten sich die anderen zu, ebenso bewundernd wie bedauernd. Es war lange vor den digitalen sozialen Netzwerken.

          Gute Menschen ...

          Dass sich die Energie der Masse nur über den Willen eines Einzelnen in Kraft umsetzen lässt, das galt lange als eine Art Naturgesetz der sozialen Welt. Über Jahrhunderte nahm man an, die Menschen seien, en gros, wie Kinder, denen man klare Ansagen und eine Richtung vorgeben müsse, sonst verlören sie sich in alle Richtungen wie wilde Eichhörnchen, die verwirrt und sorgenvoll ihre persönliche Haselnuss suchen. Geschichte schreiben, das konnten solche nervösen Leichtgewichte nicht, dazu bedurfte es immer des einen. Nur mit sehr guter Laune sollte man bedenken, was für Gestalten schon mit Erlöserqualitäten bedacht wurden, was für Titel man sich hat einfallen lassen, um dann doch recht beliebige Menschenkinder mit exorbitanten Eigenschaften auszustatten, beispielsweise für einen Ceausescu: Koryphäe der Wissenschaften, Mathematiker von Rang, bester Freund aller Kinder und noch vieles mehr. Größe liegt eben im Auge des Betrachters. Und eine Zeitlang galt auch so einer als ernstzunehmender Verhandlungspartner. Die amerikanischen Analysten attestierten ihm, wenn schon sonst nicht viel, so wenigstens Leadership. Als sei das eine besondere menschliche, männliche Tugend.

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          In der Höhle des Löwen

          Axel Voss auf der re;publica : In der Höhle des Löwen

          Als Chef-Verhandler für die EU-Urheberrechtsreform wurde Axel Voss zum „meistgehassten Mann des Internets“. Auf die Bühne der Digitalkonferenz re;publica traut er sich trotzdem. Mit ihm reden wollen die meisten aber nicht.

          Topmeldungen

          Ihr Europawahlkampf für die SPD gestaltet sich schwer: Katarina Barley

          Barleys zäher Wahlkampf : Im Netz unten durch, sonst kaum beachtet

          Die SPD hat für die Europawahl eine sympathische Kandidatin aufgestellt. In den Umfragen hilft das aber nicht. Warum hat es Katarina Barley trotz ihrer sympathischen und kompetenten Art so schwer?

          Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

          Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

          Bürgerschaftswahl in Bremen : Rot-Rot-Grün oder nichts

          In den Umfragen steht die Bremer SPD schlecht da. Jetzt schließt sie ein Bündnis mit der CDU aus. Sie setzt damit die anderen Parteien unter Druck – und könnte so die Karten neu mischen.
          Heiko Maas vor einer Regierungsmaschine auf dem Flughafen in Berlin-Tegel

          Antrittsbesuch in Bulgarien : Maas hat wieder Pech mit seinem Flieger

          Zum dritten Mal in drei Monaten: Heiko Maas hat wieder Ärger mit einem Flieger der deutschen Bundeswehr. Bei seiner Reise nach Bulgarien hatte der deutsche Außenminister mehr als eine Stunde Verspätung, weil ein Triebwerk nicht ansprang.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.