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Protestkultur : Endlich ist alles schwindlig

  • -Aktualisiert am

Anonyme Heldin: Für das „Time“-Magazin ist „The Protester“ die Person des Jahres Bild: Kat Menschik

Der heroische Anführer steht auf der Liste der bedrohten Arten: Proteste organisieren sich heute ohne ihn. Wer sie verstehen will, muss sich an die Sache halten.

          Jede Protestbewegung geht einen anderen Weg, und die Geschichte ist selten gnädig, aber eine Botschaft können wir aus dem verrückten Jahr 2011, aus der Arabellion, aus den russischen, ukrainischen, ungarischen Protesten, aus den Zeltlagern in Israel und Madrid, der Indignés und aus der Occupy-Bewegung schon ziehen: Sie folgen niemandem mehr.

          Damit können wir eine neue Spezies auf die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten setzen: den heroischen Anführer, der eine Bewegung sammelt und ihr eine Richtung weist - jedem kommen da die Posen von Lenin und Bonaparte in den Sinn; im Wissen um das, was dann in der gewiesenen Richtung wartete, finden wir sie traurig und ermüdend. Aber es gab ja auch weit harmlosere Varianten, eigentlich kennt jeder WG-Erfahrene, einstige Aktivist den Typus des grimmig dreinblickenden Daueragitierers mit dem sonoren Bass, der noch aus jeder Wartegemeinschaft an der Bushaltestelle einen sturmbereiten Mob zu machen versteht, der von Frauen und Männern gleichermaßen angeschmachtet wird und sich durch die Klarheit seiner Meinungen ebenso auszeichnet wie durch seinen fehlenden Sinn für Humor. Solche brauche man eben, flüsterten sich die anderen zu, ebenso bewundernd wie bedauernd. Es war lange vor den digitalen sozialen Netzwerken.

          Gute Menschen ...

          Dass sich die Energie der Masse nur über den Willen eines Einzelnen in Kraft umsetzen lässt, das galt lange als eine Art Naturgesetz der sozialen Welt. Über Jahrhunderte nahm man an, die Menschen seien, en gros, wie Kinder, denen man klare Ansagen und eine Richtung vorgeben müsse, sonst verlören sie sich in alle Richtungen wie wilde Eichhörnchen, die verwirrt und sorgenvoll ihre persönliche Haselnuss suchen. Geschichte schreiben, das konnten solche nervösen Leichtgewichte nicht, dazu bedurfte es immer des einen. Nur mit sehr guter Laune sollte man bedenken, was für Gestalten schon mit Erlöserqualitäten bedacht wurden, was für Titel man sich hat einfallen lassen, um dann doch recht beliebige Menschenkinder mit exorbitanten Eigenschaften auszustatten, beispielsweise für einen Ceausescu: Koryphäe der Wissenschaften, Mathematiker von Rang, bester Freund aller Kinder und noch vieles mehr. Größe liegt eben im Auge des Betrachters. Und eine Zeitlang galt auch so einer als ernstzunehmender Verhandlungspartner. Die amerikanischen Analysten attestierten ihm, wenn schon sonst nicht viel, so wenigstens Leadership. Als sei das eine besondere menschliche, männliche Tugend.

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