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Proteste von Abiturienten : Wutschüler

  • -Aktualisiert am

Empörte Schüler, die glauben, durch die Prüfungen der vergangenen Woche zu fallen, haben Online-Petitionen gestartet. Bild: dpa

In diesem Jahr haut das Mathe-Abitur alle um – und hat einen völlig neuen Typus Jugendlicher hervorgebracht. Dabei können sie über Sinn und Unsinn der Aufgaben gar nicht entscheiden.

          Viel zu schwer“, stöhnen die angehenden Abiturienten, „nicht schülergerecht“, „nur schwer lösbar“: In diesem Jahr haut das Mathe-Abitur alle um. Empörte Schüler, die glauben, durch die Prüfungen der vergangenen Woche zu fallen, starteten Online-Petitionen, in denen sie die Kultusministerien um eine Überprüfung der Aufgaben und Senkung des Notenschlüssels bitten. Die Aufgabenstellungen seien zuvor nie behandelt worden, die Schüler hätten zu wenig Zeit gehabt, selbst für Lehrer, so war aus Bayern zu hören, wären die abverlangten Rechenleistungen wohl zu schwer gewesen.

          Dem hochgepriesenen Zentralabitur sei dank ist davon nicht nur ein Bundesland betroffen, sondern es sind gleich acht an der Zahl. So kocht nicht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen, sondern schöpft aus einem gemeinsamen Aufgabenpool, welches das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen zur Verfügung stellt. Vertreter aus dem Deutschen Lehrerverband und dem Deutschen Philologenverband sehen derweil keine Anzeichen, dass die Prüfungen schwerer waren als sonst, und vereinzelt soll es sogar Schüler geben, die die Aufgaben für lösbar hielten. Und doch folgt die aufgeladene Diskussion den Gesetzmäßigkeiten der heutigen Debattenkultur: Empörung schaltet sich vor Wissen.

          #matheistkacke

          Kaum galten die desinteressierten Pennäler nach dem freitäglichen Klimaaktivismus plötzlich als politisch erwacht, ist ein neuer Typus geboren: der Wutschüler. Die Verkehrung von Verantwortung erfolgt dabei nach einem ähnlichen Prinzip wie beim Wutbürger: Die sind schuld, dass ich so schlecht bin. Die eigenen Begrenztheiten sind kein Anlass zur Selbstkritik oder gar ein Antrieb, es besser zu machen, sondern ein willkommenes Mittel zur Anklage. Dabei waren Mathe-Aufgaben doch schon immer zu schwer, finden manche auf Twitter, das gehört eben zur Schulzeit. Protest „gab’s bei uns nicht“, ist in einem Tweet zu lesen: „Wir haben unsere 2 Punkte voll Stolz in Empfang genommen!“ Denn: „#matheistkacke“.

          Dass die Dinge in diesem Fall komplexer liegen könnten, zeigt die auffallend häufig vorgetragene Kritik, der Mathematikunterricht habe die Schüler nicht ausreichend auf das Niveau der Abiturklausuren vorbereitet. Vielleicht ist das der Preis dafür, wenn jahrelang Kompetenzorientierung, Präsentation und Methoden vor den Inhalt und das Lernen in die Tiefe gestellt werden. Sobald das schablonenhafte Wissen nur eine Abweichung aufweist, entsteht Überforderung. Über Sinn und Unsinn, Anspruch und Angemessenheit der Aufgaben können nur die Fachleute entscheiden.

          Dass es aber offensichtlich eine enorme Diskrepanz zwischen dem Niveau der Abituraufgaben und jenem des Unterrichts gibt, gehört zu den verheerenden Folgen der Inflationierung der Allgemeinen Hochschulreife und der Abwertung niedriger Bildungsabschlüsse. Wenn jeder das Abitur erlangen soll, die Anforderungen im Unterricht dafür gesenkt, in den Abituraufgaben aber wieder hochgeschraubt werden, kann diese Rechnung nicht aufgehen. Das Nachsehen haben am Ende die Schüler – und dabei wird ihnen ihre gerade zur Schau getragene unwissende Wut wenig helfen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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