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Proteste in Spanien : Das Antisystem sind die anderen

Proteste auch in Valencia Bild: dpa

Spaniens empörte Kinder: Die Puerta del Sol bleibt besetzt und die Protestbewegung wächst weiter. Wohin sie aber führt, das ist noch völlig offen. Es ist nicht zuletzt eine Frage der zukünftigen Organisation der Bewegung.

          4 Min.

          Demonstrationsabend an der Puerta del Sol, dem Herzen der Madrider Altstadt, dem Nullpunkt der spanischen Geographie. Diesmal kommen wir mit der Metro, um gleich am Ort des Geschehens zu landen. Aber sobald wir Neuen über die Treppe auf den Platz hinaufgestiegen sind, haben wir nur drei, vier Meter Bewegungsspielraum: Der Rest ist Menschenmasse, die schon vorher da war und den Zufluss der Neuen absorbiert.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Es geht entspannt zu, ein ständiges Schieben, Reiben, leichtes Knuffen, dem man sich klugerweise überlässt, und da es warm ist, sehen wir unsere Spezies aus größter Nähe. Die Typologie zielt in Richtung jung, angerauht, unternehmungslustig mit Tendenz zum Stadtpiraten. Weiter vorn spricht jemand in ein Megafon, der Beifall setzt sich bis zu uns fort. Was wir da beklatschen, keine Ahnung. Die Stimmung ist gut, Mobiltelefone und Kameras streichen über die Menge, die die Puerta del Sol seit fünf Tagen besetzt hält und in „Plaza de la Solución“ umbenannt hat: Noch weiß niemand, wie diese „Lösung“ aussehen soll, aber die Bilderflut des Geschehenen wird immens sein.

          Ideenkatalog

          Tagsüber kann man über den Platz spazieren, das Zeltlager bestaunen, das sich vom Reiterstandbild Karls III. aus ausbreitet, die Decken, Schlafsäcke und Vorratskisten inspizieren oder einfach nur Parolen lesen. So viele sind es, dass sofort klar wird: Diese Sammelbewegung lässt jede Straffheit, Organisiertheit und Vertikalität vermissen und setzt stattdessen auf Horizontalität, ja Amöbenhaftigkeit. Gegen die etablierten Politiker, die erstarrten Rituale der demokratischen Routine, gegen die Banken und die Kirche. „Das Antisystem sind nicht wir, sondern jene, die das System zerstört haben.“ Der Satz leuchtet den allermeisten ein. Gemeint sind die Finanzprofiteure, die verschwunden waren, als die Rechnung präsentiert wurde, und mit diesem Gedanken können sich auch ältere Spanier solidarisieren, denen plötzlich bewusst wird: Die Jungen dort auf dem Platz sind keine rebellischen Protestler, sondern die betrogene Hoffnung aller. Vom größten Wachstumsoptimismus vor vier Jahren ist Spanien zurückgefallen in wirkliche Not, die in manchen Gegenden die Hälfte aller Menschen unter fünfundzwanzig auf einen Job warten lässt.

          Die jungen Spanier sind „indignado”: empört

          Die propagierten Ideen werden zur Zeit in einem Katalog sortiert, aber wohin dieses Sortieren führen soll, ist völlig offen. Abgestimmt wird durch Handheben, zählen lassen sich die Voten nur ungefähr. Klar ist: Es sind viele Leute, und sie werden mehr. Es gibt sogar Hoffnung, schreibt die Zeitung „Público“, der Funke möge auf andere Länder überspringen. Die Twitterlosung lautet „#italianrevolution“ oder „#germanrevolution“, und wer nachschaut, wird zumindest erkennen, dass unfassbar viel gezwitschert wird. Doch es könnte auch das Zwitschern der Amöbe sein.

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