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Proteste in der Türkei : Alles bloß Splittergruppen?

Nur Panik ist eine noch bessere Waffe: Türkische Polizisten feuern Tränengas auf Demonstranten Bild: AFP

Erdogans Realitätsverlust hat in den vergangenen Wochen immer weiter Fortschritte gemacht. Das Gemeinschaftsgefühl, das sich über alle gesellschaftlichen Gräben hinweg ausgebreitet hat, verwirrt ihn am meisten.

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          In der vergangenen Nacht war es ruhig, tags zuvor war die Bilanz des abermaligen Angriffs auf den Taksim-Platz und den Gezi-Park verheerend: Hunderte Demonstranten wurden verletzt, Dutzende festgenommen. Dreißigtausend Istanbuler waren den über Twitter und Facebook verbreiteten Aufrufen zur Unterstützung der Demonstranten gefolgt und hatten sich, nachdem die Polizei am Vormittag ihre erste Offensive gestartet hatte, in den Nachmittagsstunden dort eingefunden. Die meisten von ihnen hatten mit der Härte der Polizei offenbar gerechnet, viele aber auch nicht. Denn die Unterstützer kamen oft auch ohne Schutz für Mund und Augen, das kann man auf den Bildern sehen, die jetzt im Internet und auf manchen Fernsehsendern zu sehen sind.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine türkische Filmproduktionsfirma war auf dem Taksim-Platz und hat in dem Augenblick ihre Kamera eingeschaltet, als die Polizei abermals angriff. Man findet den Film im Internet. Im Hintergrund sieht man das Atatürk Kültür Merkezi, das Istanbuler Opernhaus aus den sechziger Jahren, an dessen Stelle Erdogan, wenn der Gezi-Park plattgemacht und das Shopping-Center dort hochgezogen ist, eine Moschee errichten will.

          Mit Rollstuhl und Gasmaske

          Die tiefstehende Sonne spiegelt sich in der Fassade, es muss also früher Abend sein. Man sieht alte und junge Leute, sie wirken eigentlich alle ganz entspannt, dann knallt es irgendwo, und eine weiße Wolke Tränengas breitet sich über den Köpfen aus, gefolgt vom harten Strahl der Wasserwerfer - die Polizisten hatten ohne Vorwarnung angegriffen. Das machen sie in der Türkei immer so, denn Panik ist eine noch bessere Waffe als Tränengas. In dem Film sieht man, wie die Panik auch unter den Menschen auf dem Taksim-Platz ausbricht. Schreiend rennen sie los, halten sich dabei die Hände vor Augen und Nase, so richtig scheint keiner zu wissen, wohin er flüchten soll.

          Man sieht einen Straßenverkäufer, er ist höchstens sieben Jahre alt, der seinen Karren für die Verkaufsware nicht im Stich lassen möchte und deshalb versucht, ihn rennend der Menschenmasse hinterherzuschieben. Das funktioniert natürlich nicht. Ein Mann schubst den Jungen zur Seite und übernimmt das Wegschieben des mobilen Ladens. Auch ein Rollstuhlfahrer ist zu sehen; anders als die meisten hatte er sich gut vorbereitet, trägt eine Gasmaske im Gesicht und in der Hand eine türkische Flagge. Er lenkt seinen elektrischen Rollstuhl durch die Tränengaswolken, hält dann an, um eine Flagge aufzuheben, die offenbar ein Flüchtender fallen gelassen hat. Da tritt ein Fotograf hinzu, ebenfalls mit Gasmaske, und reicht ihm die Flagge. Danach schiebt er den Mann im Rollstuhl davon.

          Das Ergebnis einer Verschwörung?

          Gesten der Menschlichkeit wie diese, inmitten des Infernos aus Rauch und Tränengas, erinnern daran, wie die Atmosphäre auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park war, bevor die Polizei dort abermals angriff. Es herrschte dort, über alle gesellschaftlichen Gräben hinweg, ein Gemeinschaftsgefühl, das man in der Türkei bisher noch nie erlebt hatte. Auch in der Politik kennt man es nicht, denn es lässt sich mit Erdogans autoritärem Regierungsstil nicht vereinbaren. Seine AKP hat die gesellschaftlichen Gräben des Landes immer für Stimmungsmache genutzt, und genauso machen es auch alle anderen politischen Parteien in der Türkei.

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