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Proteste im Bankenviertel : Kniefall

  • -Aktualisiert am

Wutbürger, keifende Rentner und tobsüchtige Krawallkids? Die Proteste im Bankenviertel sind davon weit entfernt. Und auch Selbstironie ist dieser Revolte nicht fremd.

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          „Nein! Keinen American Coffee. Einen normalen. Aber im großen Becher und mit viel heißem Wasser. So viel, dass man bis auf den Grund gucken kann.“ Der Kassierer, weißes Hemd, blitzsaubere knöchellange Kellnerschürze, bleibt freundlich. Die Schlange vor ihm, wie der Muckefuckfan überwiegend in mehr oder weniger mitgenommenem Wolfskin-Look, auch. Von draußen hört man Sprechchöre: „Brecht die Macht der Banken und Konzerne“, „Banken in die Schranken“. Dazwischen tönt auf einmal das alte „Help“ der Beatles. Déjà-vu. Hat Udo Jürgens nicht um 1971 Skandal gemacht mit „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken? Für die Versicherungspaläste und die Banken?“

          Viele, die in der Menschenkette stehen - man hat es tatsächlich geschafft, den Kern des Frankfurter Bankenviertels zu umzingeln - dürften das als Jugendliche miterlebt haben. Der Anteil an grauen Haaren fällt auf. Demographischer Präzedenzfall. Aber ebenso viele, die hier eher schlendern als marschieren, sind Jugendliche. Jürgens’ „die Großen zäunen ihren Wohlstand ein“ würden sie wohl eher einem Songwriter des Occupy-Zeltlagers vor der Europäischen Zentralbank zuschreiben. An diesem Samstagnachmittag läuft das Einzäunen umgekehrt. Aber nicht hermetisch - verirrte Shopper werden achselzuckend durchgelassen. Viele sind es nicht, denn das Bankenviertel, trotz bester Citylage, ist nach Büroschluss größtenteils Geisterstadt, laden-, kneipen-, wohnungs- und menschenlos. Für ein junges Paar mit Kinderwagen lüften die Umzingler sofort ihr rotweißes Flatterband.

          Selbstironie kannte die Revolte von damals nicht

          Wutbürger, keifende Rentner und tobsüchtige Krawallkids? Von dem Zerrbild, das die Unruhen um „Stuttgart 21“ hervorgebracht haben, ist dieser Aufmarsch so weit entfernt wie von jenen Demonstrationen, die 1968 hier die Fassaden und Gemüter zittern ließen. Nur einmal zuckt die Erinnerung daran bedrohlich auf: Von oben dröhnt der Lärm eines Polizeihubschraubers, neben der Menschenkette rennt eine brüllende Gruppe heran, schwingt Stöcke, trägt Helme. Schaumgummiknüppel, stellt sich im nächsten Moment heraus, auf den Köpfen Salatsiebe aus Plastik. Es ist ein Komödiantentrupp, der „Don Quichotte“ rezitiert. Selbstironie, so etwas kannte die Revolte damals nicht. Nur die Disziplin, mit der Anweisungen der Zug-Ordner befolgt werden, scheint gleich: „In die Knie“ tönt es einmal aus den Megaphonen. Die Menschenkette kniet geschlossen nieder. Massenaerobic? Wer am Ende der Eurokrise wen in die Knie gezwungen haben wird, bleibt weiterhin offen.

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