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Proteste gegen Sarrazin : Meinungsfreiheit im freien Verfall

  • -Aktualisiert am

Er musste nur noch schweigen, um seine Thesen zu beweisen: Thilo Sarrazin bei einer Lesung aus seinem neuen Buch „Der neue Tugendterror“. Bild: dpa

Im Berliner Ensemble verhindern Schreihälse eine Diskussion mit Thilo Sarrazin. Die Polizei wurde trotzdem nicht gerufen. Der Berliner SPD-Vorsitzende fand das gut. Nach dem Sieg über die Meinungsfreiheit wurde dann Party gefeiert.

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          Vorsicht, keine Satire! Diesen Satz möchte man dem Pamphlet eines Aktionsbündnisses „Tugendterror gegen #TerrorThilo“ voranstellen, das es sich – höchst erfolgreich – zur Aufgabe gemacht hat, Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin zu verhindern. Gelesen haben muss Sarrazins Bücher, weder die alten noch das neue, nicht, wer sich dem Aufruf zu Krawall, „Agitation und Propaganda, Lesungen und Musik, Sekt und Häppchen, Tugendterror und einem Satz heißer Ohren“ anschließt. Der Satz heiße Ohren blieb zum Glück unverteilt, dafür viel Geschubse und Geschrei.

          Sarrazin, heißt es in dem Aufruf weiter, wolle nun auch die „letzten Bastionen linker Kultur schleifen“. Damit gemeint war das Berliner Ensemble, das leider längst den „Kommunisten Brecht zum Stichwortgeber sozialromantischer Abendunterhaltung degradiert“ habe, aber nun auch noch Sarrazin einlud. Eine Demonstration vor dem Theater war beantragt und genehmigt worden. So weit, so gut. Nur ging der Sonntag im Foyer des Berliner Ensembles anders als gedacht zu Ende.

          Gestritten werden sollte mit Thilo Sarrazin über Meinungsfreiheit und ob es stimmt, dass „linker Tugendterror“ jede andere Meinung, die jener von selbsternannten Gesinnungswächtern widerspricht oder auch nur von ihr abweicht, unterdrückt. Diesen Beweis traten etwa fünfundzwanzig Schreihälse, einige auch zu Handgreiflichkeiten neigend, am Sonntag im Theater gleich an. Der Gast musste nur noch schweigen, seine Gesprächspartner von „Cicero“ ebenfalls. Sarrazins These also bewiesen.

          Thesenfreier Sieg

          Die Veranstaltung gibt es seit drei Jahren, immer gut besucht, immer mit streitbaren Themen und ohne gewalttätiges Geschrei. Warum hat der Hausherr, Claus Peymann, am Sonntag nicht die Polizei gerufen, sondern lieber zweihundert arglose Besucher nach Hause geschickt? Stundenlang wurde darüber via Internet und Twitter debattiert. Einige hielten das sogar für einen besonders perfiden Werbetrick des Autors, dem schließlich jede Teufelei zuzutrauen ist. Andere wollten ihr Theater-Abo kündigen, weil man so einem (Sarrazin) kein Forum bieten darf.

          Das fand auch der Berliner SPD-Vorsitzende Jan Stöß, ein Mann, der Regierender Bürgermeister werden will: „Wenn wir ihn schon nicht loswerden: Ausgerechnet das Berliner Ensemble sollte dem nicht auch noch seine Bühne öffnen.“ Auch die Bürgermeisterin von Kreuzberg, deren ruinöser Politikstil Teile ihres Bezirkes inzwischen schwer bewohnbar macht, entrüstete sich über Twitter wegen der ihrer Meinung nach noch zu schlaffen Haltung des Theaters, das sich „seiner Bedeutung eigentlich bewusster sein“ sollte. Später vor dem Theater große Party. Mit Technomusik und jeder Menge Flaschenbier wurde thesenfrei der Sieg gefeiert. „Menschenfeind“ mundtot gemacht, Bürger verschreckt, Meinungsfreiheit ruiniert.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

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