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Volksbühne Berlin : Noch so ein kommerzieller Eventschuppen

  • -Aktualisiert am

Wird hier bald nur noch englisch gesprochen? Die Pläne des neuen Intendanten sorgen bei Mitarbeitern und vielen Berlinern für Entsetzen. Bild: dpa

Die traditionsreiche Berliner Volksbühne bekommt einen neuen Intendanten, die Gerüchteküche brodelt und alle Mitarbeiter steigen auf die Barrikaden. Ein offener Brief zeigt nun das Ausmaß der Misere.

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          Seit im April 2015 offiziell bekannt wurde, dass der belgische Kurator Chris Dercon im Sommer 2017 als Nachfolger des Intendanten Frank Castorf die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz übernehmen soll, hören die Proteste gegen diese im stillen Kämmerchen ausgehandelte Senatsentscheidung nicht auf. Nun haben sich 180 Mitarbeiter aus allen Gewerken in einem offenen Brief an die Parteien im Abgeordnetenhaus von Berlin und die Kulturstaatsministerin Monika Grütters gewandt. Zu den Unterzeichnern zählen auch prominente Schauspieler wie Sophie Rois, Birgit Minichmayr, Martin Wuttke und Regisseure wie Christoph Marthaler, Herbert Fritsch und René Pollesch.

          Sie alle sind in Sorge um die Zukunft des Hauses und fürchten, dass es sein künstlerisch radikales, unangepasst autonomes, inspirierend widerborstiges Profil verlieren soll. Und dass die traditionsreiche, aus der Arbeiterbewegung hervorgegangene und mit Namen wie Erwin Piscator und Benno Besson verbundene Volksbühne, wie es Claus Peymann schon vor Monaten so treffend formulierte, zum nächsten kommerziellen „Event-Schuppen“ in der Hauptstadt umgestaltet wird. Um die Kosten zu senken und weil der geplante Gastspielbetrieb sie ohnedies nicht benötigt, werden wohl viele der über zweihundert festangestellten Mitarbeiter gekündigt, Gewerke respektive Werkstätten aufgelöst.

          Bloß das Publikum nicht überfordern

          Gesprochen werden soll nur noch englisch (entsprechende Castings laufen, so wird kolportiert) oder gar nicht, damit das neue Publikum alles mitkriegt und sich, wie bei den oft stundenlangen, wortgewaltigen Castorf-Inszenierungen, nicht überfordert fühlt, stattdessen bald wieder den Umsatz in den Bars und Clubs ankurbelt. So schreiben die Volksbühnen-Mitarbeiter denn auch: „Eine konzeptionelle Linie der künstlerisch-strukturellen Weiterentwicklung unseres Theaters ist in den Ausführungen Chris Dercons und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock nicht zu erkennen.“

          Dieser offene Brief ist ein fulminantes Dokument des Widerstands, der in der schnelllebigen, kleinteiligen Welt des Theaters seinesgleichen sucht. Hier wehrt sich eine künstlerische Institution nämlich nicht nur in ihrem eigenen Interesse, sondern tatsächlich zum Wohle der Kunst im Allgemeinen und der Stadt, der sie damit dient.

          Man muss nicht von jeder einzelnen Aufführung begeistert sein, um würdigen zu können, dass die Volksbühne unter Frank Castorf über Jahre als national wie international einflussreichstes und bedeutendstes deutschsprachiges Theater galt. Durch ihren Erfolg wurde sie allerdings für die Heuschrecken der Berliner Kulturpolitik zum attraktiven Spekulationsobjekt, mit dem jetzt so richtig Kasse gemacht werden soll: Produktionskosten senken, Einnahmen steigern. Dass die Magie und das Charisma der Volksbühne aber nicht mit Dercons konzeptuell beliebigem Gemischtwarenladen (Musiktheater, Film, Medienkunst, Performance) konserviert werden können, scheint im Roten Rathaus niemandem klar zu sein. Mit der Volksbühne hat Berlin ohne Zweifel ein hauptstädtisches Theater, mit Michael Müller (Regierender Bürgermeister und Kultursenator, SPD) und Tim Renner (Staatssekretär für Kultur, SPD) hingegen keine hauptstadtkulturfähigen Politiker.

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