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Proteste : Die Köpfe der Rebellion

Bild: youtube, dpa, AP

Die Verhältnisse, gegen welche die Menschen weltweit protestieren, unterscheiden sich. Aber die Rebellen haben sehr viel gemeinsam: Gesichter der Revolte von Rio bis Istanbul und Tel Aviv.

          Es ist ein Aufruhr in der Welt, ein Wille zum Widerstand - und auf den ersten Blick könnten die Mächte und Regime, die Hierarchien und Strukturen, gegen welche sich die Proteste und Rebellionen richten, gar nicht unterschiedlicher sein. Tayyip Erdogan ist vielleicht ein Autokrat, aber bestimmt kein Diktator; die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff wird nicht müde, die Legitimität der Demonstrationen zu betonen und deren Ziele gutzuheißen. Und die geheimnisvollen Dreibuchstabenmächte NSA und CIA werden zwar von Menschen geführt und gesteuert - aber die Überwachung, die Totalkontrolle, gegen welche der Widerstand sich richtet, geht von den Algorithmen aus.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kommt also der Eindruck, dass an sehr vielen Orten der Welt sehr viele Menschen sich sehr vieles nicht mehr gefallen lassen, von einer zu oberflächlichen, einer jugendlich-schwärmerischen und romantischen Sicht auf die Welt? Ist es ein historischer Zufall, den wir nur deshalb als Notwendigkeit interpretieren, weil die omnipräsenten Medien ähnliche Bilder zeigen, ja womöglich erst hervorbringen? Menschen, die sich auf der Straße versammeln, Parolen skandieren und Protestplakate durch die Städte tragen, sehen einander eben zwangsläufig ähnlich.

          Rechte, die immer wieder erkämpft werden müssen

          Oder kann es sein, dass zu den Gütern, welche sich auf den Wegen der Globalisierung verbreiten, eben auch Selbstbewusstsein, der Wille zur Emanzipation und die Erkenntnis, dass man Korruption, Kontrolle und Gängelung nicht hinnehmen muss, gehören? Ein tunesischer Händler, der kein Schutzgeld mehr zahlen will, eine Brasilianerin, die findet, dass der Staat sich erst mal um die Belange der Bürger kümmern sollte, bevor er das Steuergeld in Stadien steckt, welche auch dem notorischen Herrn Blatter gefallen; oder ein junger Türke, der sich von seinem Regierungschef nicht den Lebensstil vorschreiben lassen will - all diese revolutionären Subjekte haben doch eines gemeinsam. Es geht um bürgerliche Rechte (und nicht etwa um die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die wir aus der klassischen Revolutionstheorie kennen).

          Die Historiker lehren uns, dass die Emanzipation der Bürger im späten Mittelalter begonnen habe und spätestens zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Wesentlichen abgeschlossen war. Die Menschen, von denen auf dieser Seite die Rede ist, lehren uns, dass die Freiheit, die Selbstbestimmung und die Menschenwürde des Bürgers nicht nur gut abgehangene Begriffe aus den Geschichtsbüchern sind. Sondern Rechte, die immer wieder erkämpft werden müssen.

          (cls)

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