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Protestbewegung : Alte Beißreflexe

  • -Aktualisiert am

Die Bewegung „Occupy Wall Street“ kann sich an großer Medienaufmerksamkeit erfreuen Bild: dapd

Die Bewegung „Occupy Wall Street“ hadert mit den etablierten Medien. Mancher Vorwurf ist dabei schlicht haltlos.

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          Als Gil Scott-Herons Ur-Rap „The Revolution Will Not Be Televised“ 1970 auf Platte erschien, war dessen These von der Wirklichkeit schon widerlegt: Die Revolution oder das, was man dafür hielt, lief im Fernsehen, genauso wie der Krieg in Vietnam. Aus dieser Medienpräsenz leitete der ehemalige Studentenaktivist Todd Gitlin später den Vorwurf ab, dass ein antidemokratisches Kartell der Mainstream-Medien sozialen Bewegungen gezielt schade. Beides hat sich bis heute gehalten: die Revolution im Fernsehen und die Skepsis der „Revolutionäre“ gegenüber etablierten Medien.

          Dass die jetzige Protestbewegung „Occupy Wall Street“ mit ihrer Medienschelte weit hinter die selbstgestellte Diagnose zurückfällt, eine breite gesellschaftliche Kraft zu sein („We are the 99 %“), stört auf den Straßen New Yorks niemanden. Auch nicht, dass mancher Vorwurf schlicht haltlos ist. So mag es sein, dass die „New York Times“ ihre Version der Brückenbesetzung vom 1.Oktober, wonach die Polizei die Demonstranten auf die Brücke trieb, kurzfristig änderte und es fortan um die „Verkehrsbehinderung“ durch Demonstranten ging. Nach wie vor finden sich aber in den Blogs der Zeitung etliche Einträge zum Protest und dem Vorgehen der Polizei. Sogar Videos von den Websites der Bewegung sind eingebettet.

          Proteste in Denver: „Wenn wir Amerika verlieren, verlieren wir die Welt“

          Seit Beginn der Proteste verlinkt das Streaming-Portal von Al Dschazira, das Livestreams und Tweets aus aller Welt zusammenführt, auf die amerikanische Bewegung. Daran, dass sich die Bürgerbewegung von G8- und Bildungsprotest über den arabischen Frühling bis zu „Occupy Wall Street“ großer Medienaufmerksamkeit erfreut, besteht also kein Zweifel. So mancher Vorwurf an die sogenannten Mainstream-Medien erinnert da an alte Beißreflexe: ein anachronistisches Verhaltensmuster aus der Zeit der Blockkonfrontation, das gerade die Indie-Medien und die Netzkultur überwunden zu haben glaubten.

          Gnadenlose Parteilichkeit

          Wie gut soziale Bewegungen im Internet inzwischen aufgestellt sind, aber eben auch ihre gnadenlose Parteilichkeit lässt sich ebenfalls an den New Yorker Protesten studieren, die als Besetzung der Wall Street begannen. Laufend kann man die Vollversammlungen und Demonstrationszüge auf einem Portal mit der programmatischen Adresse globalrevolution.tv per Livestream verfolgen. Schnell stößt man im Netz auf weitere Zusammenhänge. Versuchsweise occupywallstreet.org eingegeben (die Protestseite ist occupywallst.org), landet man bei „Adbusters“. Das konsumkritische kanadische Magazin führt „Occupy Wall Street“ als eigene Kampagne, zusammen mit seinen berühmt-berüchtigten Aktionen wie dem Boykott eines Schuhherstellers oder dem „einkaufsfreien Tag“.

          „Adbusters“, fälschlicherweise oft als PR-Agentur bezeichnet, wird als Zeitschrift von der Adbusters Media Foundation herausgegeben, einem Netzwerk von Kreativen und Aktivisten, die in ihren Aktionen die Mechanismen von Werbung und Konsumgesellschaft offenlegen wollen. Am 13.Juli posteten sie im Adbusters-Blog den Aufruf für die friedliche Besetzung der Wall Street im September. Eine neue revolutionäre Taktik wurde angekündigt, eine Mischung aus Tahrir-Platz und spanischem Zelt-Protest.

          Demonstranten vor der Wall Street

          Die Schönheit dieser Fusion liege in der „pragmatischen Einfachheit: Wir reden miteinander in realen Zusammenkünften und virtuellen Volksversammlungen.“ So ergebe sich eine breite Basis für die Forderung nach strikter Trennung von Geld und Politik, einem Zustand „radikaler Demokratie“. Klar, dass der Ort, dieses auszuhandeln, die Wall Street ist, „das Finanz-Gomorrha Amerikas“. Die Bewegung hat sich geographisch und im Netz längst vervielfacht. Unter dem Motto „United for global change“ bietet die Seite 15.october.net alles Nötige für einen weltweiten Aktionstag am heutigen Samstag: Plakate, Sticker und 15.-Oktober-Avatare für soziale Netzwerke in einem Dutzend verschiedener Sprachen.

          „Schafft die Bundesbank ab!“

          Während die Besetzer im Zucotti-Park in Manhattan und anderswo fälschlicherweise mangelnde Aufmerksamkeit der großen Medien beklagen, warfen diese der Bewegung immer wieder vor, keine eindeutigen Ziele zu formulieren. Alles Quatsch, sagte der linke Talker Sam Seder in seiner Show „Majority Report“. Man brauche doch nur zu überlegen, was los sei an den Finanzmärkten, auf dem Arbeitsmarkt und wie hoch die öffentliche und private Schuldenlast sei. „Hey! Mainstream-Medien“, twittert Seder, da müssten einem die Forderungen doch wie Schuppen von den Augen fallen. Und dass Kapitalismuskritik längst auch schon Mainstream ist? Er ignoriert es.

          „Wenn wir Amerika verlieren, verlieren wir die Welt. An das eine Prozent Elite, das immer reicher wird, während wir wie Sklaven leben werden“, ruft ein Demonstrant in einem Video, das bei occupywallst.org steht. Und „Schafft die Bundesbank ab!“ Wirbt er damit für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron Paul? Für die Bewegung ist das offenbar kein Problem. Sie lebt von der Pluralität der Meinungen und will sich so von der Tea-Party-Bewegung absetzen.

          Eine Portion missionarischer Idealismus gehört dazu, wenn Adbusters-Aktivisten Demonstranten zu „Citizen Journalists“ ausbilden und Einführungen in Fotografie geben: Als Bewegung macht man die gute Presse nach wie vor lieber selbst. Bilderstark und geschichtsbewusst: „The whole world is watching“, wird in New York als Antwort auf Polizeigewalt skandiert. Seit den Zeiten von Gil Scott-Heron hat sich das nicht geändert. Und auch nicht, dass man für eine Revolution auf die Straße gehen muss, statt vorm Livestream auf sie zu warten.

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