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Protest und Medien in der Türkei : Es ist Revolution, und die Reporter gehen weg

Wir wissen nicht, wie Sie sich gegen einen Tränengasangriff schützen würden. Dieser junge Mann mit Schlips und im Anzug weiß sich aber offenbar zu helfen. Bild: AFP

In Istanbul herrscht der Ausnahmezustand. Die türkischen Medien berichten darüber aber nicht. In Sachen Zensur leistet die Regierung Erdogan ganze Arbeit. Doch die Demonstranten wissen sich zu helfen.

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          Auf TRT, dem türkischen Staatsfernsehen, werden Bilder vom Pokalsieg von Bayern München gezeigt, auf Show TV gibt es eine Kochsendung, und bei A-TV geht es um mögliche Hintergründe des Mordes an einer Hausfrau in der Provinz. Würde man das türkische Fernsehen zum Maßstab nehmen, wie es derzeit steht in der Türkei, dann könnte man nur denken: alles schön, alles in Ordnung, alles so wie immer. Medien aus aller Welt berichten über die derzeitigen Ausschreitungen und landesweiten Demonstrationen gegen die Regierung Erdogan, die meisten türkischen Medien jedoch schweigen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und so muss man schon Geduld aufbringen, um einen Kanal zu finden, auf dem etwas darüber läuft, meist ist die Suche vergeblich. Es ist schwer zu sagen, ob die fehlende Berichterstattung das Ergebnis vorauseilenden Gehorsams ist oder ob es Weisungen der Regierung gab. Zahlreiche türkische Journalisten sitzen im Gefängnis, weil sie gewagt hatten, die Regierung zu kritisieren oder sich über Erdogan lustig zu machen. Im vergangenen Jahr quittierten Dutzende ihren Job, weil ihre Zeitungen oder Fernsehsender dem Druck aus Ankara nachgaben und nicht mehr kritisch berichteten. Andere, unter ihnen bekannte Kolumnisten wie Amberin Zaman, Nuray Mert und Hassan Cemal, wurden rausgeworfen. Zuvor soll es einschlägige Anrufe in den Redaktionen gegeben haben.

          Das Schweigen der Medien

          Normalerweise sind die türkischen Medien sofort zur Stelle, wenn es irgendwo kracht. Die Stürmung des Gezi-Parks aber war den großen Tageszeitungen nur kurze Meldungen wert. Sie brachten erst längere Artikel, nachdem Erdogan sich öffentlich über die Demonstranten lustig gemacht und die Ausschreitungen verharmlost hatte. Noch erschreckender als die gedruckten Medien verhielten sich die großen türkischen Fernsehsender. Sie schwiegen die Ereignisse zunächst tot. Nicht einmal der Privatsender NTV, von dem es hieß, er sei in der Türkei führend in Sachen Nachrichten, zeigte Bilder. Der Sender tat einfach so, als gebe es die Polizisten nicht, die Tausende von Menschen auf dem Taksim-Platz mit Tränengas und Wasserwerfern drangsalieren. Während das geschah, blieb NTV stur bei seinem Programm.

          Solche Bilder sind in den meisten türkischen Medien nicht zu finden

          Einzig ein kleiner Fernsehsender namens Halk TV schickte ein Kamerateam auf den Platz und berichtete rund um die Uhr. Bis dahin hatte in der Türkei kaum jemand von dem Sender gehört. Nun kennen ihn alle, die Demonstranten feiern ihn als einziges Medium im Land, das sich noch nicht zum Handlanger der Regierung gemacht hat. Die fehlende Berichterstattung der anderen Sender ist umso verblüffender, da unter den Demonstranten der ersten Stunde zahlreiche bekannte türkische Fernsehschauspieler und Regisseure waren, doch auch das lockte die Journalisten nicht an. Und so blieb sogar der Solidaritätsbesuch im Gezi-Park des Schauspielers Halit Ergenc, der den Sultan in „Muhtesem Yüzyil“ spielt, der beliebtesten türkischen Fernsehserie aller Zeiten, von den Medien unbemerkt.

          Die Bedeutung sozialer Netzwerke

          Wie groß die Wut und Enttäuschung der Protestierenden über die ausbleibende Berichterstattung ist, davon zeugt am Taksim-Platz ein Autowrack. Der orangefarbene Lack ist kaum noch zu erkennen, das Fahrzeug war ein Übertragungswagen von NTV, den die Demonstranten am Wochenende in einer Seitenstraße entdeckt hatten. „Medien-Regierungskumpel zum Verkauf“ und „Wo seid ihre gestern gewesen?“ hat jemand auf das Gerippe gesprüht. Über Twitter riefen die Demonstranten mit dem Hashtag #BugünTelevizyonlar?Kapat (“Was gibt’s heute in der Glotze? Nichts“) dazu auf, das Fernsehen einen Tag lang nicht einzuschalten, um gegen die fehlende Berichterstattung zu protestieren. Am Montagnachmittag versammelten sich mehrere hundert Demonstranten im Istanbuler Stadtteil Maslak vor dem Gebäude der Firmengruppe Dogus Corporation, zu der NTV gehört, und hielten Schilder in die Höhe, auf denen Slogans standen wie „Medien zum Ausverkauf“ und „Wie viel hat man euch für eure Ehre bezahlt?“. NTV zeigte daraufhin in seinen Mittagsnachrichten Bilder von den Protesten vor der eigenen Haustür. Da die Garanti Bank zur selben Firmengruppe wie NTV gehört, sollen zahlreiche Istanbuler aus Solidarität ihre Konten bei der Bank aufgelöst und ihre Kreditkarten zurückgegeben haben.

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