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Protest mit blanken Brüsten : Die „Femen“-Provokation nutzt sich ab

  • -Aktualisiert am

Die erwünschte Wirkung? Wladimir Putin (links) reagiert auf den Protest einer „Femen“-Aktivistin auf der Hannover Messe Bild: Nigel Treblin / dapd

T-Shirt aus, Botschaft da: Die jungen Frauen aus Kiew haben mit ihren körperpolitischen Aktionen viel Aufmerksamkeit erregt. Jetzt droht der Protestform von „Femen“ die schiere Routine.

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          Am Anfang war die Idee von „Femen“ ja wirklich gut. Natürlich sind Bilder von halbnackten Frauen in unserer Zeit überhaupt nichts Besonderes mehr. Doch über den Mut dieser jungen Damen aus der Ukraine, die sich 2011 mit entblößten Brüsten auf die wichtigen öffentlichen Plätze ihres Landes begaben, etwa auf den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, und dort unter dem Motto „Die Ukraine ist kein Bordell“ gegen Sextourismus und Prostitution protestierten, konnte man nur staunen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zur Erinnerung: Im Jahr 2011 war die orangene Revolution schon seit sieben Jahren vorbei, und längst hatten die repressiven Kräfte in der Ukraine wieder die Oberhand gewonnen. Der Zeitpunkt war trotzdem gut gewählt. Denn anlässlich der im folgenden Jahr ausgetragenen Fußball-Europameisterschaft blickte die Welt neugieriger als sonst auf die Ukraine, die zwischen ihrer Treue zu Russland und ihrem Interesse an der Europäischen Union so bedrohlich schwankte. Von dieser Aufmerksamkeit wollten die Frauen von „Femen“ etwas abzweigen - ihr Plan ging auf.

          Seither hat man sie immer wieder gesehen, und zwar nicht nur an Orten, die man mit der Ausbeutung ukrainischer Prostituierter in Verbindung bringen würde: Man sah sie in Davos beim G-8-Gipfel, in der Pariser Kirche Notre-Dame und vor dem dortigen Haus von Dominique Strauss-Kahn. In Rom protestierten sie gegen das von Silvio Berlusconis Lebensstil propagierte Frauenbild. In Hannover überraschten sie den russischen Präsidenten Putin und Angela Merkel beim Besuch einer Messe.

          Auch bei der Eröffnung des Barbie-Hauses in Berlin tauchten „Femen“ vor kurzem auf. Jedes Mal funktionierte der Protest nach dem gleichen Muster: T-Shirts ausziehen, die Slogans zeigen, die sie mit schwarzer Farbe auf die Oberkörper geschrieben hatten und sich unter lautem Protest von der Polizei abtransportieren lassen.

          Immer im Ungefähren

          Zuletzt allerdings, in Berlin, im Grunde aber auch schon in Hannover und in Rom, fragte man sich: Wogegen protestieren diese Frauen nun genau? Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob es klug ist, ausgerechnet mit nackten Busen gegen Sexismus im Allgemeinen zu protestieren und auch darüber, ob sich Nacktheit überhaupt mit einer politischen Botschaft versehen lässt.

          Sicher ist aber, dass den Frauen vor allem bei ihrem ersten Auftritt ein Coup gelungen ist, ein einfacher zwar, aber immerhin: Sie bedienten die Reflexe unserer Gesellschaft und ihrer Medien exzellent und hielten uns allen den Spiegel vor. Seht her, stand dort geschrieben, für die Prostituierten in der Ukraine interessiert ihr euch nicht - aber wenn wir uns ausziehen, dann seid ihr alle da! Auf diese Weise haben sie nicht nur die Schäbigkeit des Prinzips „Sex sells“ entlarvt.

          So weit, so gut. Die Frage ist nur, ob man auch die nächsten Male noch hinsehen wird, wenn sich wieder irgendwo eine Frau öffentlich entkleidet? Denn Provokationen, wie sie die Aktionen von „Femen“ sind, leben ja davon, dass sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite haben. Provokationen in Endlosschleife hingegen entkräften sich selbst. Außerdem muss man bezweifeln, ob es gelingen kann, ein selbstbestimmtes, als neu erachtetes Frauenbild durchzusetzen, indem man einfach behauptet, dass dieses Bild jetzt existiert - ohne dabei auf das Schicksal der Frauen, für die man sich engagiert, näher einzugehen.

          Denn bisher sind die Frauen von „Femen“ immer im Ungefähren geblieben, wenn es um ihre Ziele ging. „Unsere Organisation“, sagte vor kurzem die Ukrainerin Alexandra Shevchenko in einem Interview, „hat als Feind das Patriarchat und die Formen, in denen es sich manifestiert: Diktaturen, sexuelle Ausbeutung und Religion.“ Das ist, gelinde gesagt, nicht nur ein sehr weites Feld. Es ist, und darin liegt eine bizarre Paradoxie der ganzen Bewegung, mittlerweile selbst zu einer Provokation geworden - für all jene, die ihre Interessen von „Femen“ gar nicht vertreten lassen wollen.

          Das gilt etwa für viele Musliminnen, die auf den „Topless Jihad Day“, den „Femen“ vor einigen Wochen ausgerufen hatte, mit einem „Muslima Pride Day“ antworteten und auf der Facebook-Seite „Muslim Women against Femen“ mittlerweile Tausende Kommentare von Frauen versammelten, die alle ziemlich wütend auf „Femen“ sind. Diese Ablehnung wird aber auch von Frauenrechtsorganisationen in anderen, europäischen Ländern geteilt. Die sind es nämlich inzwischen leid, nur noch nach ihrer Meinung über „Femen“ gefragt zu werden und nicht mehr nach ihrer eigenen Arbeit.

          Man kann das gut nachvollziehen. Wenn die Frauen von „Femen“ nicht nur kurzfristig Aufmerksamkeit wecken, sondern über den Tag hinaus ernst genommen werden wollen, dann müssen sie das gesellschaftliche Deutungsmuster, das Frauen vor allem dann interessant findet, wenn sie wenig anhaben, und gegen das sie im Namen der Frauenrechte zu kämpfen vorgeben, demnächst verlassen.

          Das heißt auch: Sie müssen ihre T-Shirts anbehalten. Und für ein konkretes Anliegen eintreten (es gibt ja genug). Ansonsten werden die Bilder ihrer blanken Brüste im Strudel der Millionen schon existierenden Bilder blanker Brüste untergehen - und zwar ohne dass irgendjemand die Schrift auf ihrer Haut noch bemerkt.

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