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Protest in Frankreich : Wilde Gesten in gelben Westen

Wir hier unten, die da oben: Die Proteste machen die Spaltung der Gesellschaft sichtbar. Bild: dpa

Hat der Aufruhr in Frankreich einen Gesamtwillen? Die Gelbwesten fordern Macrons Rücktritt und zugleich die Einlösung seiner Wahlversprechen: Ein französisches Paradox.

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          Dreißig Jahre nach dem von François Furet verkündeten „Ende der Revolution“ ist sie zurück. Die „Gilets Jaunes“ tragen ihre Westen wie die Jakobiner ihre Mützen. Wie bei der Überwindung des „Ancien Régime“ singen sie die Marseillaise. Die unerwartete, weder links noch rechts einzuordnende Bewegung hat erreicht, was der linksextreme Jean-Luc Mélenchon seit Marons Wahlsieg vergeblich versuchte: das Volk auf die Straße zu treiben. 1789 hatte sich am Brotpreis entzündet, 2018 geht es um die Abgaben auf Benzin. Wie die Revolution mündet der Aufstand in Chaos und Gewalt. Das Programm nach der Erfüllung der ersten Forderungen: „Macron démission.“ Es ist die pure Lust am Königsmord.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Als „großen Abwesenden“ hatte Emmanuel Macron vor seiner Wahl den „toten König“ bezeichnet: „Die Demokratie kann sich nicht selbst genügen. Im Herzen der französischen Politik steht ein leerer Stuhl.“ Napoleon wie de Gaulle erklärte Macron mit dem Bedürfnis, dieses „Defizit“ auszufüllen. Seinen Einzug ins Elysée feierte er nicht auf der Place de la Concorde, wo die Guillotine stand und rechte Präsidenten ihre Machtübernahme zelebrieren. Auch nicht bei der Bastille, dem Platz der Linken und der Revolution. Macron inszenierte seine Krönungszeremonie vor dem Louvre. „Weder links noch rechts“ – die Spaltung geht auf 1789 zurück – und „sowohl als auch“ ist sein Programm, seinem Buch gab er den Titel „Révolution“. Die „Vertikalität“ der monarchistischen Republik versprach „Jupiter“ zu restaurieren. Jetzt wollen ihn die Gelbwesten aus den Palast vertreiben.

          Robespierre als Vater des Populismus

          Mit Macron schien endlich die „Republik der Mitte“ möglich zu werden. François Furet hatte sie 1988 in der Schrift „La République du Centre“ als politische Konsequenz seiner Theorie vom „Ende der Revolution“ herbeigewünscht. Furet beendete den marxistischen Katechismus der Geschichtsschreibung, die eine direkte Linie von 1789 zu 1917 und von Robespierre zu Lenin zog. Das „Ende“ verkündete er zu ihrem 200. Jahrestag 1989 – ein Jahrzehnt nachdem sich die französischen Intellektuellen vom Marxismus abgewandt hatten. Im Jahr, an dessen Ende in Berlin die Mauer fiel. Zusammen mit Furet hatte der Historiker Marcel Gauchet das Konzept für die Revolutionsfeierlichkeiten erarbeitet. Gauchet gehörte zu den Begründern der Zeitschrift „Le Débat“ für die „Demokratisierung der Intellektuellen“. Die Epoche nach Jean-Paul Sartres Imperativ des politischen Engagements hatte begonnen. Sie war drei Jahrzehnte lang von der antitotalitären Aufklärung geprägt. Mit Macron geht ihre intellektuelle Hegemonie zu Ende.

          Vor einem Jahr veröffentlichte Gauchet einen Essay „Le nouveau monde“, der eine Anspielung auf Macrons „neue Welt“ ist. Der Historiker stellt die gleiche Frage wie der Staatspräsident: „Was passiert, wenn der König abgesetzt wird?“ Das „Ungenügen der Demokratie“ aber hat bei ihm nichts mit dem fehlenden König zu tun: „Die Souveränität des Individuums hat jene des Volkes abgelöst.“ Er plädiert für ihre Erneuerung: „Die Krisen und die Globalisierung haben eine neue Konjunktur hervorgebracht. Es gibt eine Rückkehr der Geschichte, und sie nährt das neue Interesse an Robespierre.“ Gauchet hat ihm gerade eine Biographie gewidmet.

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