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Protest in Frankreich : Grund zur Sorge

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Unter wehender Flagge: Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe demonstrieren am 26. Mai in Paris Bild: dpa

Am vergangen Sonntag haben die Proteste gegen das bereits verabschiedete Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe in Frankreich einen neuen Höhepunkt erreicht. In den Kreisen der Protestler formiert sich eine neue radikale Rechte.

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          Die Proteste gegen die Ehe unter Partnern gleichen Geschlechts haben in Paris am letzten Wochenende eine beängstigende Wende genommen. Irritierend war selbst für viele Sympathisanten dieser Bewegung, dass die Demonstrationen auch nach der Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes weiter gehen sollten. Die Frontfrau der ganzen Sache, die in ihren pinken Klamotten stets unverkennbare Frigide Barjot, war zu Hause geblieben, eingeschüchtert von massiven Drohungen. Die kamen vom extremistischen Flügel ihrer Protestbewegung, wo man in der flippigen Dame die Vertreterin eines „Kuschelbärchen“-Kurses sah und genug davon hatte. Wer Sonntag in Paris auf die Straße ging, wollte nicht mehr kuscheln, sondern klare Kante.

          Auf Plakaten warnten katholische Fundamentalisten ihre französischen Landsleute vor der „Herrschaft der Freimaurer“, die in Paris die Fäden ziehen. Die Gruppierung „Französischer Frühling“ rief zu einer Demonstration vor dem Sitz einer Loge auf. Und den Innenminister Valls, der für einen Polizeieinsatz mit Tränengas verantwortlich ist, nennt man in diesen Kreisen nur noch „Manuel Gaz“. Es werden Aktionen zivilen Ungehorsams angekündigt, das ganze Pathos der Résistance wird mobilisiert. Leitfaden ist nicht, wie bei der amerikanischen Rechten, die explizite Ablehnung des schwulen oder lesbischen „Lebensstils“ - aufgerufen wird vielmehr, eine schwache Minderheit rechtgläubiger Franzosen und natürlich die Kinder gegen die weltanschauliche Tyrannei urbaner Eliten zu verteidigen.

          Politische Folklore

          So entsteht eine neue rechte Allianz. Ein Teil von ihr rekrutiert sich aus politischen Urzeitechsen: Ausläufer der Widerstandsmilieus gegen die Revolution von 1789, also alter Adel, katholische Fundamentalisten und Großfamilien aus der Vendée. Die politische Landkarte Frankreichs spottet nach wie vor allen postmodernen Theorien vom Ende der Ideologien und der geringeren Bindekraft der großen Erzählungen; sie sieht auch heute noch so aus wie vor über zwei Jahrhunderten. Historiker verwenden den Begriff der Deux Frances: Einmal gibt es in den Provinzen das ländlich-katholische Frankreich der Handwerker, kleinen Selbstständigen und Notablen mit seiner gemütlichen, aber tendenziell intoleranten bis bornierten Weltanschauung. Ihnen gegenüber stehen in der Metropole die nervösen, urbanen Wissenschafts-und Fortschrittsgläubigen, die immer zu hochtourig durch Paris rasen, das sie für den Mittelpunkt der Welt halten. Dieser politisch-kulturelle Gegensatz, der zahllose Romane und Komödien inspirierte, ist in Frankreich so alt wie die Moderne, wie die Revolution: Die einen wollen zurück in die Beschaulichkeit, in eine Zeit ohne Hamburgerketten und bekennende Homosexuelle, den anderen geht der Fortschritt nie weit genug.

          Es war daher wenig überraschend, dass einige der rechts bewegten Randalierer am Sonntagabend in die Fernsehkameras sagten, nun werde es ein „1789 mit anderen Vorzeichen“ geben. Es ist immer noch das alte Spiel. Nichts hat sich beruhigt, im Gegenteil: Im vorigen Jahrhundert haben sich diese tiefen politischen und sozialen Brüche sogar noch verschärft, insbesondere durch die Spätfolgen des verlorenen Algerienkriegs. Als die Sozialisten mit François Mitterrand zum ersten Mal nach dem Krieg den Präsidenten stellten, sahen sie sich bald einer Welle von heftigen Massendemonstrationen gegenüber, die für den Schutz der katholischen Schulen kämpften. Wo das angelsächsische System die checks and balances kennt, in Deutschland die Kunst des politischen Kompromisses hoch gehalten wird, ist in Frankreich der Ort der politischen Konsensfindung die Straße. Die Seite, die nicht regiert, legt beim ersten passenden Anlass das Land so lange lahm, bis die Zentrale nachgibt.

          Soweit die politische Folklore, doch dieser Tage kommt noch etwas anderes hinzu. Das Recht auf Eheschließung ist ein persönliches und individuelles Recht. Wenn zwei Menschen sich entscheiden zu heiraten, dann mag das gerade noch jene betreffen, die auch gern einen der beiden geehelicht hätten, ansonsten aber bleiben alle anderen davon unberührt. Es wird niemandem etwas aufgezwungen oder weggenommen, schon gar keinem Kind. Um den Protest emotional aufzuladen, bis hin zu diesen Auswüchsen von Gewalt, die man am Sonntag sehen konnte, reicht die bloße Ablehnung einer gleichgeschlechtlichen Ehe für sich selbst also nicht aus. Dazu braucht man den Hass, zuerst natürlich auf Schwule und Lesben, dann auf Freimaurer und auf Linke.

          Und mehr noch: Die neuen militanten Rechten entwickeln anarchistische Züge und greifen Polizisten und Journalisten an. Darin gleichen sie den Extremisten der amerikanischen Tea Party-Bewegung. Auch die Argumente sind ähnlich verworren. Man konnte ja rätseln, weshalb eine gesetzliche Regelung der Krankenversicherung in den Stalinismus führen sollte und warum dagegen übergesetzlicher Widerstand legitim sei. Ähnlich unlogisch ist der Angriff auf die Ausweitung des Rechts, die Ehe zu schließen. Dies ist die neue Allianz: alte Reaktion und neuer rechter Nihilismus, vereint durch ihre Ablehnung der Moderne und der Rationalität. Es gibt Grund zur Sorge.

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