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Protest in Frankreich : Der wahre Preis der Dinge

Auch wenn es brennt, malen die Franzosen noch Poesie an die Wand: eine Szene aus der großartigen Serie „Nous serons ouverts après la révolution“ der Fotografin Eva-Maria Lopez. Bild: Lopez

Dass viele Franzosen sich das Recht auf den Aufstand nehmen, ist klar. Aber geht es nur um die Wut der Verlierer aus der Provinz – oder um die erste „liberale Revolution“?

          Karl Lagerfeld machte ein grimmiges Gesicht, die gelbe Weste hatte er über seinen Smoking gezogen, und obwohl es dunkel war, trug er eine Sonnenbrille und seltsame schwarze Handschuhe, die aussahen, als wolle er den Ersten, der ihm ohne gelbe Weste entgegenkäme, eigenhändig erwürgen. „Sie sind gelb, sie sind hässlich, sie passen zu gar nichts“, sagte der Modemacher, „aber sie können Ihnen das Leben retten“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Es war das erste Mal, dass die Franzosen eine gelbe Weste zu sehen bekamen. Der französische Staat hatte Lagerfeld bezahlt für diesen Auftritt – genauer gesagt das Verkehrsministerium, das auf großen Plakaten mit Karl Lagerfeld Werbung für die Sicherheitsweste machte, die seitdem in jedem Auto liegen und in Gefahrensituationen angezogen werden muss. Seitdem ist sie, vermutlich noch weit vor der Jeans oder der Baskenmütze, das am weitesten verbreitete und gleichzeitig klassenloseste Kleidungsstück Frankreichs. Arbeiter haben es genauso im Kofferraum wie Multimillionäre – und da es sein einziger Sinn ist, Menschen sichtbar zu machen, damit sie nicht überfahren werden, war es naheliegend, dass irgendwann all diejenigen, die sich unsichtbar und überfahren fühlen, die „Gilets jaunes“ entdecken würden.

          Was gerade mit Frankreich und Europa passiert, lässt sich in diesen Tagen, in denen Zehntausende von Gelbwesten das Zentrum von Paris stürmen, die weißen Fassaden der zugenagelten Luxusläden mit Parolen überziehen, die schwarzen Luxuskleinwagen davor in Brand setzen und die schwarze Wand der Polizisten und der Wasserwerfer mit signalgelben Farbbeuteln bewerfen und so zum Teil ihrer Sichtbarwerdungsmaschine machen, wie an einem Farbdiagramm ablesen: Hier die farblosen Farben der privilegierten Welt, das Beige und Grau und Schwarz, das die Schaufenster von Chanel, die Einrichtungshäuser und Luxusautos, den Stil von Karl Lagerfeld, die Welt der Globalisierungsgewinner dominiert – und auf der anderen Seite das schrille Kreischgelb derjenigen, denen selbst eine moderate Benzinpreiserhöhung so sehr in die Kasse schlägt, dass sie das ganze Land in ein Chaos mit nicht absehbaren Konsequenzen stürzen.

          Der Provinz wird das Letzte genommen

          Es war mehr als eine Anekdote, dass die Restaurantbesitzer an der feinen Rue du Faubourg Saint-Honoré die Tische mitsamt der Gäste und der Austern und der Champagnergläser reinräumten, als sich die Gelbwesten näherten – so, als ob da ein böser, aus dem Nichts heranrasender Hornissenschwarm die Ruhe des sonnigen Cafés bedrohe. Im Kern, da sind sich die Analysten einig, ist die Gelbwestenbewegung ein Protest derer, die sich abgehängt fühlen. Aber ist dieser Protest nun eine linke oder eine rechte Bewegung, ist sie von sozialen oder eher von geographischen Faktoren geprägt, ist das hier Arm gegen Reich, Vorstadt gegen Zentrum oder Land gegen Stadt? In dieser Woche, in der ein sichtlich entgeisterter Präsident Macron vor die Kameras trat, ein Milliardenprogramm für die Armen ankündigte, das Frankreich meilenweit von allen Stabilitätskriterien entfernt – in dieser Woche überschlugen sich die Interpretationen, was diese Proteste bedeuten. Der Schriftsteller Édouard Louis äußerte in einem pathetischen Text Verständnis auch für die Gewalt, die nur ein Spiegel der Gewalt sei, die das System den Armen antue.

          Der Schriftsteller Michel Houellebecq veröffentlichte in „Harper’s“ einen Text, in dem er Trump erst als Clown beschimpft und dann heftigst lobt, weil „Trump, anders als die liberalen Verfechter der freien Märkte (die auf ihre Weise genauso fanatisch sind wie Kommunisten), den globalen Freihandel nicht für den Höhepunkt des Fortschritts der menschlichen Spezies“ halte; die Einschränkung des globalen Handels sei ein erstrebenswertes Ziel. Und der Linksnationalist Jean-Luc Mélenchon, der im Wahlkampf selbst noch den „Ausstieg aus dem Diesel“ gefordert hatte, marschierte bis vor die Nationalversammlung, als wäre er die selbstzündergetriebene Wiedergeburt von Robespierre, und schrie Macron entgegen: „Majestät, Sie müssen sich besinnen und auf uns hören“, als wäre der Präsident nicht legal gewählt, sondern König Louis MMXVIII, was die rhetorische Krönung der bizarren Revolutionsfolklore vieler Protestler war; in Le Pouzin, einem Ort in der Ardèche, haben sie allen Ernstes auf einem Verkehrskreisel eine hölzerne Guillotine mit der Aufschrift: „Alles Gute zum Geburtstag, Manu“ aufgestellt. Was also bedeutet eine Bewegung, in der Linke wie Mélenchon marschieren, die aber auch von der rechtsradikalen Marine Le Pen unterstützt wird, in der Vorstadtkids mit Brandsätzen auf pazifistische Bauern treffen?

          Anruf bei Sébastien Marot, einem der wichtigsten französischen Urbanismusforscher und Theoretiker der Permakultur: Was ist da los? Antwort: Erst mal sei das natürlich auch ein Konflikt Stadt–Land, Frankreich sei seit Jahrzehnten von der „Rurbanisation“ geprägt; Menschen, die sich die Städte nicht mehr leisten können, ziehen aufs Land, wo aber keine Arbeit ist, weswegen sie mit dem Auto zu ihrem schlecht bezahlten Job pendeln müssen; er sei eigentlich für eine Steuer auf Verbrennungsmotoren, sagt Marot, „aber man muss sehen, dass man den in der Province isolierten, abgedrängten Leuten so das Letzte nimmt, womit sie noch am beruflichen und sozialen Leben teilnehmen können, die bagnoles, ihre alten Karren“.

          Aber den Franzosen gehe es gar nicht so schlecht, heißt es immer wieder, die Sozialquote sei in Frankreich am höchsten, das Land sei von den vielen Hilfen geradezu gelähmt. Wie wenig diese Verallgemeinerung mit der Lage der Leute zu tun hat, zeigten eindrucksvoll die Personen, die in ihren gelben Rettungswesten vor den Kameras auftauchten: Ein Azubi bekommt 700 Euro, 300 Euro zahlt er für Benzin, eine Wohnung auf dem Dorf ist billiger als dort, wo er arbeitet, aber dafür brauche man eben ein Auto. Ein Arbeitsloser hat 500 Euro im Monat, nach Abzug der Miete 150, macht fünf Euro am Tag. 1986 bei der Gründung des Hilfswerks „Restaurants der Herzen“ beanspruchten 70.000 Franzosen die Gratisessen, heute sind es mehr als 900.000.

          Blanker Zynismus

          Das Problem ist nicht, dass Frankreich zu viel Sozialstaat hat, sondern dessen Ineffizienz. So wurden Milliarden zum Bau von Wohngettos für Migranten ausgegeben, und dann noch mal Milliarden für deren Förderung, anstatt gleich gemischte Städte mit Aufstiegschancen für alle zu planen. Es wäre, obwohl das die Beamtenverbände auf die Barrikaden getrieben hätte, strategisch klüger gewesen, den französischen Behördenapparat radikal einzudampfen.

          Weil die Gelbwesten-Bewegung, anders als die Organisatoren früherer Proteste, keine Institution wie die kommunistische Partei oder die Gewerkschaft sei, sondern eine Folge neuer Formen der weichen Selbstorganisation von aus verschiedensten Gründen unzufriedenen Massen auf Facebook, die ganz neue Reichweiten und Massenmobilisierungen erlaubt, sei es auch einfach, sie für verschiedene ideologische Zwecke zu instrumentalisieren, sagt Marot. Es stimme, dass auch frustrierte Vorstadt-Kids im Schutz der Proteste randalieren und plündern gehen; dass der Front National die Chance wittert, endlich Macron kleinzukriegen. Im Kern sei die Bewegung aber eine der vergessenen Provinz gegen das ökonomische und politische Zentrum. Auf dem Land zieht sich der Staat zurück; während der Super-TGV die 680 Kilometer von Paris nach Bordeaux in gut zwei Stunden herunterfenstert, wird alles dazwischen nicht mehr bedient; und wo Schulen und Buslinien und Regionalbahnen und Schwimmbäder verschwinden, geht auch die private Infrastruktur ein, Bars, Bäckereien, Schlachter, Cafés – ein Phänomen, das man auch aus der deutschen Provinz kennt, weswegen man vielleicht vorsichtig mit der Aussage sein sollte, in Deutschland sei alles ganz anders, die Franzosen würden ja gewissermaßen schon in der Schule zur Renitenz erzogen und lernten schon als Kind im Museum, dass die Freiheit eine halbnackte Frau ist, die das Volk auf den Barrikaden anführt; und von den Plakaten des Mai 1968, dass die Schönheit auf der Straße wohnt und gerade einen Pflasterstein durch die Luft schmeißt; und dass schon in der Verfassung von 1793 stand, dass man ein Recht zum Aufstand hat, wenn die Mächtigen nicht auf einen hören.

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          Es ist interessant und symptomatisch, dass diesmal die Systemfrage und die Proteste sich an einer für sich genommen gar nicht mal dramatischen Öko-Steuer entladen. Die Wut, ein paar Euro mehr für Diesel zahlen zu müssen, hat auch damit zu tun, dass die in die Vororte und Dörfer abgedrängten Bürger zu Recht das Gefühl haben, doppelt bestraft zu werden. Die im Zusammenhang mit Pendlerstaus und Wohnungskrise immer wieder zu hörende Behauptung, es handele sich hier letztendlich um Lifestyle-Probleme, die Leute sollten doch in die Provinz ziehen, die Frankfurter nach Nordhessen, die Pariser in die Vogesen, zeugt zu gleichen Anteilen von ökonomischer Unterbelichtung und blankem Zynismus – ja, in Nordhessen ist’s schön und in den Vogesen auch, nur leider gibt es dort keine Arbeit, und damit lässt sich nicht mal ein billiges Häuschen finanzieren. Erst werden die Geringverdiener verdrängt, dann fürs Pendeln zur Arbeit bestraft. Wer weniger Diesel in der Luft will, muss den Leuten ermöglichen, anders zu leben; dafür muss man Städte anders bauen und Arbeit und Globalisierungs- und Robotisierungsgewinne gerechter verteilen und sich mehr um die dem Verfall und ineffektiven Subventionsbombardements überlassenen ruralen Räume kümmern. Macrons größter Fehler war wohl, dass er es bisher nicht geschafft hat, den Franzosen zu zeigen, wie das gehen könnte – und von gefeierten Soziologen wie Didier Eribon bekommt die Landbevölkerung auch nur einen Kanister Stadtluft an den Kopf geschmissen: „Die Kunst, das Theater die Philosophie, das Kino – all das arbeitete darauf hin, das Dorf hinter sich zu lassen und neue Horizonte zu erschließen“, dekretiert er; „dass Heidegger den Schwarzwald Berlin vorgezogen hat, mag man verstehen, er war ein Nazi.“ Es ist auch die Öko-Arroganz eines städtischen Milieus aus Soziologen, Politikern und Journalisten, die es sich leisten können, alles mit dem Fahrrad zu erledigen, die die Gelbwesten ins Zentrum treibt.

          Es fehlen kollektive Bilder und Vorstellungen

          Macron ist für Europa, kann aber nicht zeigen, dass Europa mehr sein kann als ein Verbund, der, zu Lasten regionaler Produktion, vor allem Großkonzernen eine ungehinderte Verbreitung ihrer Waren erlaubt, wovon nur sehr theoretisch und sehr mittelbar die Geringverdiener, die diese Gewinne im Niedriglohnsektor erwirtschaften, profitieren. Mag sein, dass Ökonomen gut nachweisen können, dass der globale Handel insgesamt der Welt weniger Hunger und mehr Wohlstand bringt – wenn man die ökologischen Folgen dieses als Konsumfähigkeit definierten Wohlstands erfolgreich kleinrechnet. Aber er produziert eben auch Verlierer: Man muss nur einmal in den Sägewerken und Schreinereien der einst stolzen Südwestregion vorbeischauen, die alle dichtmachen, weil Großkonzerne den Markt mit osteuropäischem Billigholz überschwemmen – man muss nur einmal durch diese Regionen fahren, um die Verzweiflung, den Globalisierungshass, die Wut zu begreifen. Was folgt daraus?

          Die Alternative „Liberalismus, Europa, Freihandel oder Nationalismus, Sozialismus, Protektionismus“ ist reine Polemik. Wenn man die nivellierte Mittelstandsgesellschaft als systemstabilisierendes Konstrukt erhalten will, wäre es höchste Zeit, Ökonomen wie jenen Walter Eucken wiederzuentdecken, der früh die Verbindung von ökonomischer Macht und staatlicher Willkür analysierte und als Begründer der sozialen Marktwirtschaft gilt. In seiner Folge haben ordoliberale Denker wie der in diesem Sommer jung verstorbene Walter Oswalt gezeigt, dass etwa das Problem der europäischen Kommission auch darin liegt, dass sie Staatsaufgaben an private Organisationen delegiert, dass die Gremien, die Europäisches Recht entwerfen, von zahllosen Wirtschaftslobbyisten geprägt werden. Oswalt hat in seiner bedeutenden Grundlagenschrift „No Mono. Kapitalismus ohne Konzerne. Für eine liberale Revolution“ das Wort „liberal“ endlich vom giftigen „neo-“ befreit und gezeigt, wie eine Politik aussehen könnte, die, entfernt von dumpfem Protektionismus, von internationalen Großkonzernen den wahren Preis ihrer Produkte verlangt, die also die gesellschaftlichen und ökologischen Folgekosten – Ausbeutung von Billigarbeit, globaler Transport, mangelnde Langlebigkeit (so gesehen steht ein Ikea-Regal noch schlechter da als eh schon, und viel schlechter und teurer als das eines südfranzösischen Tischlers) – so mit einrechnet, wie Macrons Dieselsteuer die ökologischen Konsequenzen von billigem Treibstoff miteinrechnen will. Dass dieser „wahre Preis der Dinge“ von den Armen, seltener von Großkonzernen erhoben wird, ist einer der tiefgreifenderen Vorwürfe gegen Macron.

          Was ihm wie allen Liberalen und Linken gerade vollkommen fehlt, sind kollektive Bilder und Vorstellungen, die Mut machen und die Leute daran glauben lassen, dass es ihnen in Zukunft besser, jedenfalls nicht schlechter gehen wird. Frankreich hatte diese Vorstellungen einmal – der Sozialutopiker Charles Fourier entwarf ein „Versailles für alle“, das das Gegenteil der rationalistischen Schlafregale der Banlieues ist, TGV und Citroën GS versprachen Futurismus und Grande Nation für alle, auch die Arbeiter; Renée Gailhoustet baute zum Sozialtarif für die Massen Häuser mit hängenden Gärten, um die sie die Millionäre des 16. Arrondissements beneideten, und auch die, die die Migranten fürchten, lieben den Araber an der Ecke, der immer aufhat; nicht zuletzt stand Macrons Frau für eine Generation und eine Zeit, in der Frankreich emanzipiert, modern, abenteuerlustig, unkonventionell und zuversichtlich war.

          Selten war die Freude über eine gewonnene Weltmeisterschaft kürzer, der Effekt schneller verpufft. An einem der schönsten und teuersten Orte von Paris, der Place Saint-Germain-des-Prés Nummer vier, steht ein Haus, an dessen Fassade ein von Ästen halb verdeckter Schriftzug prangt. „Société d’Encouragement“ liest man da, „Gesellschaft für Ermutigung“. Wenn sich die Äste dann bewegen, kommt der Nachsatz zum Vorschein: „Pour l’Industrie nationale“. Das Schild der 1801 gegründeten Institution fasst das Problem Frankreichs und Europas in einem Bild zusammen: Was man jetzt brauchte, wäre eine Gesellschaft zur Ermutigung nicht nur der Wirtschaft.

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