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Projekt „Starshot“ : Setzt die Segel, wir entern die Sterne

Stephen Hawking bei der Präsentation des Projektes „Starshot“. Bild: Reuters

Der russiche Milliardär Juri Milner plant, „Nanocarfts“, winzige Raumschiffe zur Erkudnung in das nächstgelegene Sternsystem zu schicken. Das klingt wie ein wissenschaftlicher Schlachtruf.

          3 Min.

          Ein russischer Internetmilliardär, der im Silicon Valley seinen Zweitwohnsitz hat, die sozialen Medien beherrscht und der den Vornamen des ersten Menschen im All trägt, wird schon einen Weg finden, sich selbst in die Geschichtsbücher einzutragen, so könnte man annehmen. Wer gestern in das Gesicht von Juri Milner gesehen hat, wusste: Genau so soll es sein. Genau so will der vierundfünfzigjährige, in Moskau gebürtige Physikstudienabbrecher Juri Milner (getauft nach Juri Gagarin) sein Lebenswerk abrunden. Mit Johannes Kepler und Stephen Hawking im Bunde und das phantastischste Zukunftsprojekt vor der Brust: „Starshot“ – der Griff nach den Sternen. Geplant ist der erste interstellare Trip; zumindest der erste, der von unserem Planeten aus starten soll.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wissenschaftsleumund Stephen Hawking, wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im Beirat von Milners „Breakthrough“-Stiftung, hat sich bei der Vorstellung des 100-Millionen-Dollar-Projekts im One World Trade Center zu New York alle Mühe gegeben, von seinen zuletzt doch arg albtraumhaften Zukunftsvisionen und dem Clinch mit künstlichen Intelligenzen abzulenken und mal wieder was Großes anzukündigen. Stoff zum Träumen, aber wissenschaftlich halbwegs brauchbarer Stoff. „Wir sprechen hier über unsere Zukunft im All“, ließ Hawking seine Computerstimme sagen.

          Mit dem Mutterschiff in den Orbit

          Was vorerst allerdings nicht ganz den Tatsachen entspricht. Denn unsere intergalaktischen Stoßtrupps, die Milner in ein bis zwei Generationen zum nächstgelegenen Sternsystem schicken will, sind konzeptuell den künstlichen Intelligenzen deutlich näher als dem Menschen. Hawkings „Wir“ ist, genau genommen, ein Schwarm von grammschweren, briefmarkengroßen Chips. Die „Nanocrafts“ sind technisch mit allem möglichen Smartphone-Schnickschnack (Kamera, Navigation, Antennen) und einigen Spezialgadgets (Mikrolaser, Radioisotopenbatterie) ausgerüstet.

          Im ersten Schritt sollen sie mit dem Mutterschiff in den Orbit transportiert werden, wo sie die jeweils vier Meter breiten, ultraleichten Nanolichtsegel ausbreiten, um sich in den entscheidenden zwei Minuten der Mission mit Laserlicht vom Boden aus auf ein Fünftel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen zu lassen.

          Hawking und Dyson dürfen die Machbarkeit beweisen

          Vom Lichtdruck angetrieben auf Alien-Pirsch. Flugzeit: circa zwanzig Jahre. Ja, da steckt jede Menge Carl Sagan drin und ein klein bisschen Michio Kaku. Aber eben auch Wissenschaft à la Hawking, Nasa und Freeman Dyson, dem Physik-Emeritus aus Princeton, der als Vordenker der Quantenrevolution in New York neben Hawking Platz nahm. Vor allem die beiden sollten, wenn sie schon selbst nicht mehr die Ernte von Milners Realutopie einfahren dürfen, wenigstens die Machbarkeit bezeugen. Ihr Schlüsselargument: Extrapolation. Die Beschleunigung in der Mikroelektronik, Nanotechnik und Photonik habe die Menschheit schon in den letzten fünfzehn Jahren so weit vorangebracht, dass „Starshot“ fast ein technologischer Selbstläufer sei.

          Selbstorganisation durch wissenschaftliche Selbstoptimierung. Am Ruder aber sieht sich nur einer, der Ermöglicher und Hobbyphysiker Milner: „Warum sollen wir weiter nur in die Sterne starren, wenn wir sie bald greifen können?“ Unter den Augen der Öffentlichkeit, mit Open Data und interaktiven Websites, soll das Projekt in mehreren Schritten realisiert werden.

          Die unter den 18 gelisteten „Herausforderungen“ vielleicht größte Hürde: die Energiebereitstellung, die benötigt wird, um die Wegstrecke von 4,3 Lichtjahren (40 Billionen Kilometern) bis zum Doppelsternsystem Alpha Centauri zu überwinden. Der Photonenantrieb für die Lichtsegel braucht zum Erreichen der Endgeschwindigkeit von 60 000 Kilometern pro Sekunde (tausendmal so schnell wie jedes Raumschiff) Tausende perfekt gebündelte Laserstrahlen, die schon in den ersten Minuten eine Energie von hundert Gigawatt ins All bringen – eine Leistung, mit der bislang die viele hunderttausend Tonnen schweren, in Treibstofftanks verpackten Spaceshuttles ins All geschickt wurden.

          Milners Plan ist also eine Art ingenieurswissenschaftlicher Schlachtruf. Einer, der von aktuellen szientistischen Träumen à la Branson und Bezos getragen wird und sich mit den Hightechwundern heute wunderbar einreiht in das Echo, das der Science-Fiction-Visionär H.G. Wells vor hundert Jahren erzeugt hat: „Es gibt keinen Weg zurück in die Vergangenheit. Wir haben die Wahl zwischen dem Universum – und nichts.“

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