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Projekt „Krautreporter“ kann starten : Wahnsinn - und jetzt ihr

  • -Aktualisiert am

Screenshot der Krautreporter-Seite um kurz nach 13 Uhr: Ziel erreicht. Bild: Screenshot krautreporter.de

Die Krautreporter haben es allen Unkenrufen zum Trotz geschafft: Die „Crowd“ potentieller Leser hat 900.000 Euro zur Verfügung gestellt. Jetzt ist es an den Journalisten, daraus ein Online-Magazin zu schaffen, dass langfristig Unterstützer findet.

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          Anfang der Woche sah es nicht so aus, als würden die Krautreporter ihr angestrebtes Ziel von 900.000 Euro Starthilfe für ihr journalistisches Großprojekt noch erreichen. Vor zwei Tagen waren erst zwei Drittel der selbst gesetzten Summe zugesichert, und die Umsetzung der ehrgeizigen Idee schien in weite Ferne gerückt.

          Rückblick: Vor einem Monat starteten siebenundzwanzig Journalisten ein gewagtes Unterfangen: Sie wollten 15 000 Menschen überzeugen, ihnen sechzig Euro zu geben, um die Finanzierung von Krautreporter für ein Jahr zu sichern. Das Projekt sollte ein Online-Magazin werden, unabhängig von Verlagen, Werbung und Suchmaschinen gut recherchierte Beiträge publizieren, vier oder fünf pro Tag. Die Geschichten an sich sollten frei für jeden zugänglich sein, nur die Community – also die Möglichkeit, zu kommentieren und mit den Autoren in Kontakt zu treten – sollte den finanziellen Unterstützern vorbehalten bleiben.

          Vorschnell angekündigtes Scheitern

          Die anfängliche Resonanz war positiv: Das Projekt wurde für mutig befunden, für zukunftsweisend gar. Die ersten fünftausend Unterstützer waren schnell gefunden, doch dann begann die Sache zu stagnieren. Dass die Bezahlung nur mit Kreditkarte möglich war, stellte für viele, die der Idee an sich positiv gegenüberstanden, eine Hürde da. Und nach der anfänglichen Begeisterung wurde auch vermehrt Kritik laut: Zu wenige Frauen seien im Team, hieß es immer wieder, die Beschreibung sei zu schwammig, es fehlten Beispiele für mögliche Themen – was genau wollten sie denn besser machen? Den Online-Journalismus als kaputt zu bezeichnen, so wie es die Krautreporter taten (einhergehend mit dem selbstbewussten Versprechen, das wieder hinzubekommen), ging vielen zu weit. Und überhaupt, „Krautreporter“, was ist das denn für ein Name?

          Die Krautreporter reagierten auf die Kritik, zumindest teilweise: Statt nur mit Kreditkarte konnte dann auch mit Paypal bezahlt werden. Die Journalisten stellten sich in Videos einzeln vor, einige präsentierten Ideen für Themen (die allerdings auch nicht gerade mit Lob überschüttet wurden). Auf Twitter antworteten die Autoren immer wieder auf Kritik, und generell schoben sie eine so offene Diskussion über die Zukunft des Journalismus an, dass man ihnen, selbst wenn das Projekt gescheitert wäre, allein dafür hätte danken können.

          Am Mittwoch, drei Tage vor Ende der Kampagne, lagen die Krautreporter immer noch deutlich unter zehntausend Unterstützern, und das Erreichen der 900.000 Euro war in weite Ferne gerückt. Erste hatten das Projekt bereits für tot erklärt.

          Kraut ist da, jetzt sind die Reporter dran

          Dann kam entgegen aller Erwartungen doch noch einmal Bewegung in die Sache: Die Rudolf-Augstein-Stiftung kaufte 1000 Mitgliedschaften. Viele, die das Projekt zwar kritisch beäugten, rangen sich doch noch dazu durch, Unterstützer zu werden – einfach, um das Projekt nicht schon vor dem Start sterben zu lassen, um den Mut zu belohnen, um das Spektakel über den 13. Juni hinaus zu verlängern.

          Heute um kurz nach 13 Uhr war die 900.000 Euro-Marke geknackt. Krautreporter machte in nicht ganz 140 Zeichen der Freude Luft:

          Den ersten Meilenstein haben die Krautreporter gemeistert. Nie zuvor wurde in Deutschland ein so großes journalistisches Projekt durch Crowdfunding finanziert. Dass die Kampagne am Ende doch noch gelang, war kein Ausspruch uneingeschränkten Vertrauens in dieses Projekt, sondern vielmehr Vorschusslorbeer: Auch Skeptiker warfen am Ende ihre sechzig Euro in den Topf, um der Sache ein Chance zu geben. Die Krautreporter haben eine Vorlage bekommen, im ersten Jahr ihrer Existenz müssen sie nun beweisen, dass sie mehr haben als eine nette Idee. Sie müssen Inhalte schaffen, die die Nutzer überzeugen, das Projekt auch nach dem Testlauf weiter (finanziell) zu unterstützen, sie müssen beweisen, dass sie tatsächlich von niemandem abhängig sind. Die „Kraut“ ist da, jetzt, liebe Reporter, seid ihr an der Reihe.

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