https://www.faz.net/-gqz-6xoo4

Professorenbesoldung : Zulage aus Karlsruhe

Für die Hochschulpolitik ein Ort wiederholten Scheiterns: das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Bild: dpa

Professoren sollen mehr verdienen, doch wie soll man einen gerechten Verdienst bemessen? Der Einspruch des Verfassungsgerichts zeigt auch die Schieflage des Hochschulsystems.

          3 Min.

          Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Besoldung der Professoren ist dazu geeignet, Aufregung hervorzurufen. Nicht so sehr, weil es ein Urteil ist, das zu erheblichen Anteilen von Professoren gesprochen wurde. Man mag immerhin sagen: Sie waren in der Frage, was eine angemessene Alimentation für höhere Beamte ist, gleich doppelt kompetent.

          Viel interessanter ist die Formulierung selbst: Das Alimentationsprinzip, heißt es in der Urteilsbegründung, verpflichte den Dienstherrn, den Beamten und ihren Familien lebenslang einen angemessenen Lebensunterhalt zu gewähren. Wer nicht den Staat zum Dienstherrn hat, dürfte vor Gericht wenig Chancen haben, wenn er sich als Postbotin, Kassierer oder Lkw-Fahrer auf ein analoges Prinzip berufen würde.

          Keine Formel gerechter Entlohung

          Die (ohnehin wenigen) wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zur Lohnstruktur geben entsprechend kaum etwas für Fragen der Gerechtigkeit oder der Angemessenheit her. Kein Mensch weiß, weshalb Müllfahrer weniger verdienen als Werbegraphiker oder Hebammen weniger als Journalisten und Apotheker. Selbst innerhalb des Staatsdienstes ist unklar, weshalb der Richter am Oberlandesgericht besser dasteht als der am Amtsgericht, der von den beiden sicherlich die Knochenarbeit zu tun hat. Mitunter hat man den Eindruck, manche Karrieresprünge würden nicht nur mit mehr Geld, sondern auch mit weniger Arbeit entlohnt. Der Bundespräsident verdient mehr als der Ministerpräsident von Niedersachsen. Dass der Stress mit zunehmendem Aufstieg sinkt, ist seit den Studien des englischen Mediziners Michael Marmot ein epidemiologisch gesicherter Befund. Die „Managerkrankheit“ ist eine Erfindung von Managern.

          Aus all dem wird sich jedenfalls kaum eine schöne Formel gerechter Entlohnung gewinnen lassen, in der Arbeitsleid und Arbeitsfreude, „Humankapital“ und Knappheit der Talente berücksichtigt und gegeneinander verrechnet wären. Das gilt auch für die vom Gericht angeführten Begründungen: die lange Ausbildungszeit der Professoren, ihre Verantwortung und ihre Beanspruchung. Lassen wir die Verantwortung schnell beiseite. Weshalb sollte die der Grundschullehrerin geringer sein als die des Lehrstuhlinhabers?

          Die Karierre: Verlogen und sinnwidrig

          Die lange Ausbildungszeit wiederum ist einerseits in vielen Fächern dysfunktional, weil die Leute noch mit vierzig zum „Nachwuchs“ deklariert werden und sich auf Assistentenstellen „qualifizieren“, obwohl sie dort längst mehr an Forschung leisten als ihre Vorgesetzten. Sie ist andererseits eine honorierte Zeit, und der Skandal liegt wohl eher darin, wie viele Forscher auf „halben Stellen“ älter werden. Das ganze System der universitären Karriere ist verlogen und sinnwidrig, gerade weil es auf die späte, große Entfristung zuläuft, anstatt Dauerstellen unterhalb des Professorentitels zu schaffen.

          Und die Beanspruchung? Tatsächlich liegen die Hauptquellen für berufliche Belastungen des Professors längst nicht mehr in Forschung oder Lehre. Was sie zermürbt und im Karlsruher Fall 3890 Euro Grundgehalt für einen Chemiker unangemessen macht, ist der Tanz um die Drittmittel, der entsprechende Publikationsdruck, sind die Netzwerkereien und endlose Sitzungen in Reformprojekten (Bologna, Exzellenz, EU-Rahmenprogramm, Evaluation, Akkreditierung und so weiter). Die Schnapsidee einer „Leistungsentlohnung“ aufgrund von Zielvereinbarungen, die dann für 100000 Euro Drittmittel einen Monatszuschlag von 100 Euro brutto bewirken, gehört mit zu diesen Strukturen, die das Professorendasein heute unattraktiv machen. Und hierin liegt das eigentliche Signal der Bundesrichter: In der unausgesprochenen Frage an die Hochschulpolitik, wen die Universitäten denn noch bekommen, wenn sie zu all dem Unfug, der mit ihnen und in ihnen angestellt wird, auch noch schlecht zahlen?

          Die deutsche Hochschulpolitik ist jetzt - nach den Urteilen über die Juniorprofessur und zum Verbot von Studiengebühren - schon zum dritten Mal in Karlsruhe gescheitert. Bulmahn, Schavan, Kühne-Hörmann und so fort, SPD oder CDU - es macht in puncto Gedankenlosigkeit gar keinen Unterschied, wer gerade wo am Ruder ist. Man hält die Bildung und die Wissenschaft hoch - „einzige Ressource“, „Standort“ - und überzieht das entsprechende System mit einem Unsinn nach dem anderen. Dass die Professorenschaft das alles mit sich hat machen lassen und nur bei der Besoldung den Aufstand wagte, ist, was die Besoldung angeht, verständlich und ihr gutes Recht. Was den Rest angeht, ist es schmählich. Wie war das oben noch gleich mit der Verantwortung?

          Weitere Themen

          Eine Familie voller Freaks Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Ema“ : Eine Familie voller Freaks

          „Ema" ist intensiv und fesselnd, aber nichts für Spießer. Regisseur Pablo Larrain inszeniert ein Drama der besonderen Sorte, das seinem Ruf als Genie endlich gerecht wird, urteilt F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath in der Video-Filmkritik.

          Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

          Pergolesi an Frankfurts Oper : Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

          Ist Religion ein Relikt aus der Welt von Gestern oder eine Kraft, die Welt zu überwinden? Katharina Thoma verknüpft an der Oper Frankfurt „La serva padrona“ und das „Stabat mater“ von Giovanni Battista Pergolesi zu einem schönen, sinnfälligen Abend.

          Topmeldungen

          Abgeordnete im Deutschen Bundestag

          Corona-Kompetenzen : Die Gesetze macht immer noch der Gesetzgeber

          Beim Streit über die Kompetenzen des Bundestages geht es um mehr als nur um Formalitäten. Die Debatte ist auch eine Abrechnung mit der Art, wie die Corona-Politik bisher zustande gekommen ist.
          Schönau am Königssee: Alle Touristen mussten den Landkreis Berchtesgadener Land bis zum Beginn des Lockdowns verlassen. (Archivbild)

          Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.
          Netflix: Keine besonders guten Zahlen für die Kalfornier

          Weniger Neukunden als erwartet : Corona-Kater für Netflix

          Netflix hat zwar weiter Neukunden während der Corona-Krise gewinnen können, doch die eigene Prognose wurde verfehlt. Auch für die Zukunft plant das kalifornische Unternehmen vorsichtig. Die Aktie sank.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.