https://www.faz.net/-gqz-7ub6v
Andreas Rossmann (aro.)

Produktplazierung im Theater : Dufte!

Wenn schon Werbung, dann für ein lokales Produkt: Das Kölner Theater am Sachsenring integriert die Marke „Farina“ wenig subtil ins Bühnengeschehen. Bild: dpa

Heraus aus der ewigen Subventionsspirale: Wie ein Kölner Kleintheater sich durch Produktplazierung neue Finanzierungsquellen erschließt.

          1 Min.

          Trägt Hedda Gabler Parfum? Müsste sie eigentlich, kapriziös und wirkungsbewusst, wie sie sich aufführt. Nur welches? Eine Frage der Inszenierung. Im Kölner Theater am Sachsenring, einer Off-Bühne mit hundert Plätzen, greift sie an der Frisierkommode nach Farina, dem ältesten Eau de Cologne,

          1709, lange vor 4711 erfunden, wie es der historische Flakon, auch ohne Markenname oder Erwähnung, und vor allem der Duft dem Zuschauer verraten. Passt. Denn dieser Duft, so schrieb der Parfumeur Johann Maria Farina seinem Bruder Johann Baptist, „erinnert mich an einen italienischen Frühlingsmorgen“, wie ihn Hedda, von der ausgedehnten Hochzeitsreise in den Süden zurückgekehrt, noch gerne in der Nase spürt. Und der Zuschauer, olfaktorisch angefixt, vielleicht auch, weshalb er anschließend eine Probe davon, kostenlos, versteht sich, mitnehmen darf.

          Der Kostümbildner der Zukunft

          Was Farina diese Duftnote wert ist, möchte das Theater nicht verraten, nur dass die „älteste Parfum-Fabrik“, so steht es auf den Markisen am Stammsitz gegenüber dem Jülichs-Platz, schon dreimal zehn Karten für die Belegschaft bestellt hat. Wie einträglich die Wohlriech-Offensive auch sein mag, die kleine Bühne beweist einen guten Riecher. Die freie Szene – früher Talentschmiede und Nachwuchsreservoir der Stadttheater, wobei eine auffällige Regiearbeit reichte, um zum Schauspieldirektor berufen zu werden – beweist nun auch marketingmäßig ihre Pfiffigkeit und zeigt den etablierten Häusern, wie sie sich herauswinden können aus der Subventionsspirale.

          Mit diskretem, passgenauen Product-Placement! Was für ein Markt der Möglichkeit tut sich da auf, endlich können sich Dramaturgen mal nützlich machen. Denn ob Heddas Angetrauter, das Tantensöhnchen Jürgen Tesman, eher in einem schlank geschnittenen Kiton- oder aber, mit der Korpulenz eines Gerhard Schröder, in einem Brioni-Anzug bella figura zu machen versucht, ist eine Typ- und Besetzungsfrage; und womit sich sein labil-genialischer Studienfreund Ejlert Lövborg auf die schiefe Bahn trinkt, mit Gorbatschow-Wodka oder Gin-Tonic, hängt nicht zuletzt von Stil und Tempo der Inszenierung ab.

          Der Beruf des Kostümbildners zumal könnte einen grundlegenden Wandel erfahren, denn wo es bisher vor allem auf Handwerk ankam, wäre künftig die Kompetenz einer Werbeagentur gefragt. Wenn, ja wenn unsere Goliath-Bühnen die Chancen, die ihnen der Kölner Theater-David aufzeigt, nicht längst mit vorauseilender Anpassungsbereitschaft verspielt hätten. Sieht doch heute schon jede zweite Klassiker-Inszenierung aus, als hätte H & M sie gesponsert.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Joe Biden in einer Produktionsanlage des Pharmakonzerns Pfizer: Eine halbe Milliarde Dosen Impfstoff hat Biden den armen Ländern versprochen.

          Impfstoff-Diplomatie : Geopolitik mit Impfstoffen

          China hat die Welt mit Corona-Impfstoff beliefert, als der Westen mit sich selbst beschäftigt war. Jetzt versucht Amerika mit Macht, Boden gut zu machen.

          Die Welt des neuen Geldes : Der Bitcoin hat es in sich

          Viele betrachten Kryptowährungen wie Bitcoin als gefährliche Spekulationsobjekte – die aktuellen Kursrückgänge bestärken sie. Doch dahinter steckt viel mehr. Ein Gastbeitrag.
          Virologe Christian Drosten informiert in seinem Podcast über die neue Delta-Variante des Coronavirus.

          Delta-Variante : Drosten: „Wir müssen einfach schnell impfen“

          Die Infektionszahlen sinken zwar weiterhin, doch der Anteil der Delta-Variante nimmt in Deutschland zu. Der Virologe Christian Drosten mahnt, die Impfkampagne schnell umzusetzen. Im Herbst werde die Inzidenz auf jeden Fall wieder steigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.