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Privatschulen : Zu viel Kompetenz

  • -Aktualisiert am

Im Vergleich mit Privatschulen kämpfen öffentliche Schulen schon lange mit Imageproblemen. Eine neue Studie besagt nun, dass Privatschulen gar nicht so viel besser als öffentliche wären. Bild: Maria Klenner

Eine neue Studie macht Vorschläge zur Verbesserung des Schulsystems. Die sind aber alles andere als realitätsnah.

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          Privatschulen sind „qualitativ nicht besser“ als öffentliche Schulen, meldete kürzlich die Friedrich-Ebert-Stiftung in einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie, die Daten des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen auswertet. Ganz beglückt zeigen sich darüber die, die schon befürchteten, dass die soziale Schieflage immer größer wird; geradezu triumphierend die, die schon immer wussten, dass private Schulen auch nicht mehr Niveau haben als die öffentlichen.

          Es ist nun offenbar alles doch bloß halb so wild; die Privatschüler sind nicht besser oder fast nicht – zumindest, wenn man davon absieht, „dass sich die Schülerschaft dieser Schulen hinsichtlich wichtiger lern- und leistungsrelevanter Merkmale (sozioökonomischer Status, Familiensprache, Geschlecht) unterscheidet“. Ach so ist das. Und wie genau sieht man davon ab? Indem man Bildung nur noch in Zahlen ausdrückt!

          Kompetenz über alles

          Doch selbst im Dickicht der Bezifferung gibt es für die Bildungsforscher und deren politische Förderer keinen Grund zu uneingeschränkter Freude. Denn „Selektion“ entsteht ja nicht nur durch kostenpflichtige Privatschulen – die gibt es dank des verteufelten, gegliederten Schulsystems auch in der staatlichen Schule, und das, obwohl diese doch schon so viel gelernt hat von den privaten. Viel entscheidender als die Gewissheit, dass jede noch so innovative Bildungsstudie fast immer zu den alten ideologischen Fronten zurückführt (Trennung nach Schulformen? schlecht; Gruppenarbeit? gut; Inhalt? zweitrangig; Präsentation? ganz wichtig), ist die Frage, woran sich denn die Qualität eigentlich bemisst.

          Und da erfahren wir: an den „Kompetenzständen“ der Schüler. Und das nicht nur einmal. Sage und schreibe 92 Mal taucht auf den 88 Seiten der Studie das Wort „Kompetenz“ auf, und sei es nur, um zu betonen, dass die „in den Regressionsanalysen festgestellten Kompetenzunterschiede“ als „Punktwertdifferenzen auf der Berichtsmetrik der Bildungstrends“ dargestellt werden. Sieht so der Königsweg zur Bildung aus?

          Studie hat wenig mit Bildung zu tun

          Schon lässt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft verlauten, dass sie die Befunde der Studie begrüße, auch wenn das von ihr gegen bessere Einsicht hartnäckig gepriesene Allheilmittel, die „eine Schule für alle Kinder“, noch nicht erreicht ist. Doch sie darf darauf hoffen, dass auch dafür noch die passende Berichtsmetrik gefunden wird. Nun ist der (laut Studie allerdings nur leichte) Trend zu Privatschulen in der Tat nicht zu begrüßen, eben weil sich eher derjenige Bildungsvorteile verschaffen kann (und sei es nur hinsichtlich einer besseren Infrastruktur), der mehr Geld hat. Aber solcherlei an „Kompetenzständen“ festzumachen, die Bildung, Wissen, Fähigkeiten, Talente auf ein Punktesystem reduzieren, leistet einem Verständnis von Schule Vorschub, das mit Bildung als einem sinnstiftenden Prozess und der Tiefe des Lernens und Verstehens sehr wenig gemein hat.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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