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Prinzessinnenbad : Das Leben ist kein Prinzenbad

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Vom Film bleibt die Freundschaft: Tanutscha, Klara und Mina (von links nach rechts) Bild: Andreas Pein

Bussis von den Tussis: „Prinzessinnenbad“, ein Dokumentarfilm über ihre Jugend in Kreuzberg, hat Klara, Mina und Tanutscha bekannt gemacht. Ein Jahr danach sind sie noch immer Freundinnen, die Jugend aber liegt hinter ihnen.

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          „Ey, story!“ So geht das gleich los. Nacheinander sind sie in das Kreuzberger „Café Hannibal“ gestürmt. Erst Klara, das war die frühreife Blonde mit der Drogenkarriere, dann Tanutscha, die Schlagfertige, und schließlich Mina, die Kluge. Kaum sitzen sie nebeneinander, wirbeln die Sätze durcheinander, und dann ruft Tanutscha: „Ey, story.“ Es bedeutet so viel wie: „Erzähl mir doch nichts.“ Sie hatten diesen Ausdruck schon im Film oft benutzt.

          Klara Reinacher, Mina Bowling und Tanutscha Glowasz wurden im vergangenen Jahr durch den preisgekrönten Dokumentarfilm „Prinzessinnenbad“ schlagartig zu den berühmtesten Teenagern Berlins, vielleicht sogar der Republik. Zwei Jahre hatte die Regisseurin Bettina Blümner die Mädchen begleitet. Sie zeigte den Alltag der Mädchen zwischen Freibad, Schule und Dating-Hotline, zwischen dem Lebensmodell ihrer alternativen, alleinerziehenden Mütter und dem machohaften Gehabe ihrer türkischen Freunde. Es war eine Geschichte vom Erwachsenwerden im multikulturellen Berlin-Kreuzberg, in dem Ökoladen, Fixerstube und Moschee manchmal weniger als zehn Meter auseinanderliegen.

          Das Leben hat manchmal Macken

          In der ersten Szene im Film sind Klara, Mina und Tanutscha vierzehn, in der letzten Szene sechzehn Jahre alt. In diesen Monaten werden sie achtzehn. Das Kreuzberger „Café Hannibal“ schiebt sich wie ein Tortenstück in den Fünfundvierzig-Grad-Winkel, in dem Wiener und Skalitzerstraße aufeinandertreffen. Insgesamt schneiden sich hier drei Straßen. In jeder wohnt eines der Mädchen. Würde es eine Fortsetzung ihres Films geben, dann müsste sie „Café Hannibal“ und nicht „Prinzessinnenbad II“ heißen. Dieses Café, sagen die Mädchen, ist ihr zweites Wohnzimmer geworden - so, wie es das Kreuzberger Freibad mit dem verheißungsvollen Namen Prinzenbad gewesen ist in jenem Sommer des Jahres 2005.

          An sechs Tagen in der Woche kellnert Klara hier. Immer Spätschicht, von sechzehn bis ein Uhr. Als die Dreharbeiten zu „Prinzessinnenbad“ beginnen, ist Klara eine Jugendliche, wie es in Kreuzberg viele gibt. Es ziert sie eine Jugendstrafe wegen Diebstahls, sie nimmt Drogen, und es kommt für sie - nachdem sie monatelang nicht zur Hauptschule gegangen ist - nur noch eine Schwänzerschule in Frage, ein Projekt des Jugendamts, um Schulverweigerer zurück in die Klassenräume zu holen. Damals fand Klara, dass ihr Leben eine einzige „Macke“ sei. Heute sagt sie, es sei wunderschön. Sie sieht inzwischen älter aus: Die blonden Haare reichen nun bis zur Hüfte, die Augenbrauen hat sie abrasiert und mit braunem Eyeliner nachgemalt, was ihrem Gesicht etwas Strenges gibt. Die Gäste im „Hannibal“ schätzen sie meistens auf Mitte zwanzig.

          Ein Schichtplan strukturiert das Leben

          Klara geht nicht mehr in die Schwänzerschule, sie hat inzwischen ihren Hauptschulabschluss gemacht. „Am Ende war ich sogar die Klassenbeste“, sagt sie. Seitdem arbeitet sie hauptberuflich als Kellnerin. „Das Café hält mich“ sagt Klara. „Es ist der Ort, an dem ich mit meinem Hobby Geld verdiene und meine Freunde habe.“ Der Schichtplan im Café ist zu ihrem Orientierungspunkt geworden. Er bringt eine Kontinuität in ihr Leben, die ihre Eltern ihr nicht bieten können. Sie sind beide nicht mehr in Berlin. Ihr Vater lebt in Panama. Er ist ausgewandert, als Klara noch sehr jung war. Ihre Mutter lebt seit sechs Monaten mit ihrem neuen Ehemann in New York. Klara hätte mitkommen sollen, aber sie wollte nicht. Nun wohnt sie allein in der gemeinsamen Wohnung in Kreuzberg und finanziert sich mit ihrem Kellnerinnengehalt selbst.

          Als erwachsen würde sie sich nicht bezeichnen. „Dazu weiß ich viel zu wenig“, sagt sie, „aber vielleicht ist man auch in zehn Jahren nicht erwachsen, weil man nie genug weiß und immer neu dazulernt.“ Wenn erwachsen zu sein bedeutet, für sich selbst Verantwortung zu tragen, dann ist Klara erwachsen. Wenn erwachsen zu sein bedeutet, achtzehn Jahre alt zu sein, wird sie es erst in ein paar Tagen.

          Kreuzberg ist nicht Reinickendorf

          Auch Tanutschas achtzehnter Geburtstag steht an. Aus dem pummeligen, dunkelhaarigen Teenager ist eine schlanke, junge Frau geworden. Die braunen Haare hat sie streng nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Im Film gibt es die Szene, in der sie bei einer Dating-Hotline anruft und einen Jungen, der glaubt, sie komme aus Reinickendorf, mit dem Satz abfertigt: „Ich komm' aus Kreuzberg, du Muschi!“ Der Spruch wurde später auf T-Shirts gedruckt. Tanutscha hat nach dem Film vergeblich versucht, ihren Realschulabschluss zu machen. Nach einem freiwilligen sozialen Jahr in einem Altenheim jobbt sie nun dort und wird im nächsten Jahr eine Ausbildung zur Altenpflegerin anfangen. „Ich hab' mein Ding gefunden“, sagt sie.

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