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Prinzessinnenbad : Das Leben ist kein Prinzenbad

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Sie wohnt noch bei ihrer Mutter. Im Film hatten sie oft Streit miteinander. Ihre Mutter war strenger als die der anderen. „Seitdem sie sieht, dass ich alles hinkriege, ist sie entspannter“, sagt Tanutscha. An ihrem Geburtstag werden sie zusammen einen Sekt trinken, so haben sie es ausgemacht. Dann will ihre Mutter erzählen, wie sie mit achtzehn gewesen ist. Viel weiß Tanutscha nicht, nur dass ihre Mutter mit siebzehn von zu Hause weggelaufen ist und auf der Straße lebte, ein Punk, der am Ku'damm gebettelt hat. „An meinem neunzehnten Geburtstag“, sagt Tanutscha, „erzähle ich ihr dann, was sie alles nicht weiß.“

Den Film würde keine noch einmal machen

Angefangen hatte alles damit, dass die Regisseurin Bettina Blümner in Klaras Klasse herumfragte, ob jemand Lust habe, bei einem Film über das „Prinzenbad“ mitzumachen. Klara meldete sich. „Ich wollte cool ins Fernsehen“, erinnert sie sich. Damals war von einem Kinofilm noch nicht die Rede. Im Januar 2007, kurz vor der Berlinale, sahen die Mädchen den Film dann zum ersten Mal. „Es war eine Katastrophe“, sagt Tanutscha. „Klara und ich waren schockiert. Mina hat sogar geweint.“ Sie hatten das Gefühl, dass aus dem Rohmaterial nur die schlimmsten Szenen ausgewählt wurden. „Wir hatten im Film alle unsere Rollen“, meint Klara. „Tanutscha war die Aufmüpfige, ich die ganz Kaputte und Mina die, die alles super hinkriegt.“ Ändern konnten sie an dem Film nichts. Sie hatten ihr Mitspracherecht am Schnitt abgetreten. Heute würden sie den Film nicht noch einmal machen, sie würden auch keinen Bekleidungsgutschein im Wert von zweihundert Euro als Entlohnung akzeptieren.

Mina war von den drei Prinzessinnen diejenige, für die die Zuschauer schwärmten. Die Halbitalienerin war anders als Klara und Tanutscha. Sie war gebildeter und nachdenklicher. Oft hatte man den Eindruck, die Freundinnen langweilten sie. Sie interessierte sich sehr für die Schule, sie wollte auf das Gymnasium gehen. Wenn Tanutscha im Gespräch fragt, was ein Nomen ist und Klara wissen möchte, was „d'accord“ heißt, rollt Mina mit den Augen und erklärt es ihnen. Tanutscha und Klara grinsen nur. Als wäre Bildung ein Spleen von Mina.

Kaffee und Zigaretten

Mina ist nach der zehnten Klasse für drei Monate durch Asien gereist. Seit ein paar Wochen besucht sie eine private Tourismusakademie. Dort wird sie in drei Jahren ihr Abitur machen, zusammen mit einer Ausbildung zur internationalen Tourismusassistentin. Würde es einen Film „Prinzessinnenbad II“ geben, wäre sie immer noch diejenige, für die die Zuschauer schwärmen.

Im Café haben Klara, Mina und Tanutscha inzwischen auf dem Tisch ein Chaos an Zigaretten, Handys, Kalendern und Kaffeetassen angerichtet. Jede von ihnen nimmt, ohne zu fragen, aus dem Chaos, was sie braucht. Es ist egal, wem die Zigaretten gehören. Mit neun haben sie die ersten Zigaretten zusammen geraucht. Sie lachen viel, wenn sie sich daran erinnern. Jetzt, mit fast achtzehn, sehen sie sich immer noch fast jeden Tag. Meist kommen Tanutscha und Mina im Café vorbei. Es ist im Moment der einzige Ort, sich zu treffen: Wenn Minas und Tanutschas Arbeit zu Ende ist, beginnt Klaras Schicht.

Freundschaft über den Film hinaus

Sie sind stolz auf ihre Freundschaft. Sie ist eine der wenigen Sachen in ihrem Leben, die kontinuierlich bestand, und bislang haben sie es geschafft, sie zu bewahren: gegen Klaras Mutter, die Tanutscha für schlechten Umgang hielt, gegen falsche Freunde und gegen den Film, in dem sie unterschiedlich gut wegkommen. Sie sind überzeugt davon, dass sie ihre Freundschaft auch über die Zeit bewahren. „Egal, wie wir uns entwickeln“, sagt Mina. „Die beiden werden meine besten Freundinnen bleiben.“

In ein paar Jahren würden sie gern eine Fortsetzung der Dokumentation drehen. Sie wollen zeigen, was aus ihnen geworden ist, und hoffen, dass es dann bereits das Café „Prinzessinnenbad“ gibt. Ihr Produzent hat angeboten, ihnen einen zinslosen Kredit für die Eröffnung eines Cafés zu geben. Die Arbeit haben die drei schon verteilt. „Klara kellnert, Tanutscha putzt, und ich mach' die Abrechnung“, sagt Mina. Dann fangen sie an zu lachen.

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