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Prinz-von-Asturien-Preise 2002 : Nur die Leopardin hält duldend still

  • -Aktualisiert am

          6 Min.

          Im morgendlichen Nebel von Madrid hebt die Chartermaschine ab. Sie hat die geballte Prominenz der Hauptstadt an Bord, auch die spanischen Ulrich Wickerts. Fünfzig Minuten später setzt sie bei strahlendem Sonnenschein, aber mit heftigem Rumpeln an der nordspanischen Küste auf. Es ist kurz vor zwölf am Tag der Verleihung der Prinz-von-Asturien-Preise, dem Tag des Jahres für Oviedo.

          Dutzende von Volksmusikgruppen sind aus allen Winkeln der Region angereist, um den Thronfolger zu ehren. Denn Don Felipe, der begehrteste Junggeselle Spaniens, ist ihr Herrscher. Sie würden auch für einen häßlicheren Prinzen ihr Bestes geben; aber es ist ein Glück, daß sie es für diesen charmanten Einsneunzig-Mann tun können, der vor wenigen Monaten (und zur Erleichterung seines Volkes) seine Freundschaft mit einem norwegischen Model beendet hat, über den aber die beunruhigende Nachricht kursiert, er habe mit der amerikanischen Schauspielerin Gwyneth Paltrow zu Abend gegessen.

          Über diesen Freitag im späten Oktober, über die Feierlichkeit des Aktes und die volkstümliche Untermalung staunen alle, auch die weitgereisten Preisträger der internationalen Kultur- und Wissenschaftsszene. Man will kaum glauben, daß die Bevölkerung der Provinzhauptstadt stundenlang hinter Absperrungen ausharrt, um einen Blick auf, sagen wir, den Soziologen Anthony Giddens zu erhaschen. Oder daß die Musiker mit ihren traditionellen Westen so hingebungsvoll den Dudelsack blasen (Nordwestspanien ist keltisch). Oder daß kleine Mädchen und junge Frauen, alle mit Tracht und Kopftuch, für Hans Magnus Enzensberger ihre anmutigen Tanzschritte vollführen.

          Aber sie tun es den ganzen Tag hindurch, und gerade Hans Magnus Enzensberger, der die Auszeichnung für Kommunikation und Geisteswissenschaften erhält, weiß das Schauspiel zu würdigen. Nicht nur, daß er bei der Verleihungszeremonie am frühen Abend im Theater "Campoamor" sichtbar animiert und geradezu fröhlich wirkt, er scheint auch seinerseits ein wenig zu tänzeln, als er sich von seinem feinen Sessel erhebt, um aus der Hand des Prinzen die Urkunde entgegenzunehmen, und läge eine Colabüchse auf dem blauen Teppich, die er fortkicken könnte (aber es liegt keine dort), vielleicht wäre der eleganteste Essayist Deutschlands auf dem Rückweg zu seinem Sessel versucht gewesen, seinem Übermut freien Lauf zu lassen. "Das ist doch sehr schön!" sagt er später beim Empfang, während um ihn herum duftende Frauen, gewandet in mancherlei unerwartete Urwaldtöne, durch die Hallen des "Hotel de la Reconquista" ziehen, um vorbeischwebende Häppchen zu erlegen, "eine solche Zeremonie hat doch Stil!" Er muß gar nicht mehr sagen. Sicherlich denkt er an städtische Blumenarrangements und Kulturreferentenprosa bei Fünftausend-Mark-Preisen in Osnabrück.

          Enzensberger fügt sich zwanglos in das festliche Ambiente dunkler Anzüge, glänzender Augen und gepuderter Nasen. Er hat jetzt mehrere Tage in Oviedo und Umgebung verbracht. Seine Beziehung zu Spanien reicht ja weit zurück, bis zum "Kurzen Sommer der Anarchie" (1972) und den frühen Gedichtübersetzungen; später kam der Spanien-Essay in seinem Buch "Ach, Europa!", gefolgt von Calderón- und Lorca-Übertragungen. Es sei schon merkwürdig, sagt er, daß die Spanier und Italiener alles von ihm übersetzten, die Franzosen dagegen nicht, vielleicht sei ihnen sein Temperament zu ähnlich: Die Franzosen bevorzugten deutsche Dichter mit gründelndem Tiefsinn.

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