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Prinz Philip ist neunzig : Fettnäpfchen für alle

  • -Aktualisiert am

Der Jubilar im Glanz des Understatement Bild: dpa

Der weltgrößte Experte für das Enthüllen von Gedenktafeln: Nie war Prinz Philip den Briten wertvoller als zu seinem neunzigsten Geburtstag. Jetzt erst wissen sie seinen selbstlosen Einsatz über die Jahrzehnte hinweg so richtig zu schätzen.

          Aus freudianischer Sicht wäre Prinz Philip ein klassischer Fall für die Psychoanalyse: getrennte Eltern, nervenkranke Mutter, die er als Kind fünf Jahre lang nicht sah, abwesender Vater, kein Zuhause, angewiesen auf die Gunst der zerstreuten Verwandtschaft. In Gästebüchern vermerkte er in der Rubrik Adresse: „ohne festen Wohnsitz“. Der Diener seines Onkels Lord Mountbatten berichtete, die Zivilgarderobe des Prinzen sei dürftiger gewesen als die manches Bankbeamten.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Wenn er bei den Mountbattens wohnte, habe er oft nur ein Rasiermesser mitgebracht. Während er schlief, wusch ihm der Diener ungebeten das Hemd und stopfte seine Strümpfe. Als der Prinz unlängst nach seiner Ausbildung gefragt wurde, erzählte er, wie er nach Salem aufs Internat geschickt wurde, weil es die billigste Lösung war: „Die Schule gehörte meinem Schwager.“

          Prinz Philip sagte das ohne eine Spur jener Wehleidigkeit, die sein Sohn mitunter an den Tag legt. Um mit Tony Blairs Kommunikationsdirektor zu reden, dessen Äußerung „we don't do God“ (Gott gibt es bei uns nicht), zum geflügelten Wort geworden ist: Wehleidigkeit steht nicht im Buch des Prinzgemahls. Vielmehr demonstriert er die selbstironische Distanz, mit der Briten ihre Gefühle zu verbergen pflegen.

          Understatement statt Seele

          Der Herzog von Edinburgh ist von Geburt her kein Brite, sondern eher Deutscher, weswegen ihn seine künftige Schwiegermutter anfangs als „The Hun“ bezeichnete. Aber kein Ausländer hat sich jene Eigenschaften der Adoptivheimat, wie sie der ungarische Emigrant George Mikes in seiner köstlichen Satire über das englische Wesen beschreibt, so zu eigen gemacht wie Prinz Philip. „Ausländer besitzen Seelen; Engländer nicht“, konstatiert Mikes. Stattdessen hätten sie Understatement.

          Wann immer Prinz Philip nach seiner schrecklichen Kindheit gefragt wird, zuckt er ungehalten mit den Achseln. Es sei ihm damals alles völlig normal vorkommen, er habe ja nichts gehabt, womit er seine Erfahrung hätte vergleichen können. Dieser Tage wollte ein Interviewer, dessen platte Fragen den Prinzen sichtlich irritierten, auch noch wissen, wie er sich im Zweiten Weltkrieg gefühlt habe, wo er doch schon in sehr jungen Jahren zum Einsatz gekommen sei. Prinz Philip fiel ihm ins Wort und fauchte, das sei vielen anderen seiner Generation schließlich auch so ergangen.

          Und als der Journalist sich erkundigte, wie schwer es dem Prinzen gefallen sei, eine vielversprechende Karriere bei der Marine aufgeben zu müssen, als seine Frau den Thron bestieg, versuchte er die Frage zunächst mit der Entgegnung „Wie lang ist ein Faden?“ abzuwenden, bevor er leise durchblicken ließ, dass er sich schweren Herzens von seinem Beruf getrennt habe. Seitdem geht er, nun schon fast sechzig Jahre lang, stets gewissenhaft und souverän einen Schritt hinter der Königin, ohne je einen Zweifel daran zu lassen, dass er der Herr im eigenen Haus ist.

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