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Priesterweihe in Passau : Der Weg in den Himmel führt über Arbing

Warum wird heute einer Priester? Der bayerische Bauernsohn Hermann Schächner hat sich die Gegenfrage gestellt. Die Tage von Priesterweihe und Primiz sind die Krönung dieser Entscheidung. Mit Slideshow.

          9 Min.

          Die schmale graue Katze schnürt durch das Hoftor in den Schatten. Noch steht die Sonne hoch, und wer kann, tut es dem Tier gleich. Fünfunddreißig Grad zeigt das Thermometer. Es riecht nach Kuhstall, die Fliegen summen. An die hundert Gäste warten auf die Erscheinung des Herrn. Denn so wird er in diesen Tagen immer wieder adressiert, der hochwürdige Herr Primiziant. Am Morgen hat ihn der Bischof von Passau im Dom zusammen mit vier anderen jungen Männern zum Priester geweiht. Und jetzt soll er heimkommen, der Hermann. Empfang am elterlichen Hof, so heißt der Programmpunkt in einem zweitägigen Veranstaltungsmarathon. Auf der Hügelkuppe sind Böllerschützen in Stellung gegangen, das Asphaltband der Straße flimmert und gleißt. Wann wird er kommen?

          Hannes Hintermeier
          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Er ist einen langen Weg gegangen, der Bauernsohn aus dem oberbayerischen Arbing. Vorgezeichnet war ihm dieser Weg nicht, auch wenn die Eltern, gläubige Katholiken, ihm die Freiheit gaben, den Weg einzuschlagen. „Ich habe mir nicht das Messer auf die Brust gesetzt“, sagt Hermann Schächner. Vier Söhne haben die Schächners, der älteste ist gerade dabei, den stattlichen Vierseithof mit hundertachtzig Hektar Land und zwei großen Kuhställen zu übernehmen. Um das Jahr 1300 ist das Anwesen das erste Mal urkundlich erwähnt. Wir sind im Holzland, unweit nördlich des Wallfahrtsortes Altötting gelegen. Man sagt hier du zueinander, und der Vorname folgt in Wort und Schrift dem Taufnamen. Auch wenn es hier in manchen Ecken aussieht wie vor hundert Jahren, soll man sich nicht täuschen. Der Schächnerhof hat eine Photovoltaik- und eine Biogas-Anlage, man betreibt Direktvermarktung und Online-Shop. Auf dem Scheunendach kleben Solarpaneele, am Wohnhaus ein Fertigbalkon, Palmen in Töpfen und Baumarktnippes garnieren das Wohnhaus. Die Welt von gestern in der Version 2012. Herkunft ist hier ein existentielles Gefühl.

          Zwölf Dutzend Priester und Ministranten begleiten die Neupriester am Tag der Weihe: Der Auszug aus der Sakristei im Passauer Dom beginnt mit dem Kreuzzeichen
          Zwölf Dutzend Priester und Ministranten begleiten die Neupriester am Tag der Weihe: Der Auszug aus der Sakristei im Passauer Dom beginnt mit dem Kreuzzeichen : Bild: Philip Lisowski

          Der Zweitgeborene zeigt zunächst erwartbare Neigungen. Für Maschinen und ihr Innenleben hat er sich schon früh interessiert. Die ehemalige Lehrerin wird am Festplatz in Arbing berichten, dass der Hermann einen Preis für eine Zeichnung bekam, die einen Mähdrescher zeigte. Der wird Bauer, habe sie damals gedacht, doch schon im Alter von fünfzehn Jahren habe der begeisterte Ministrant als Berufswunsch Pfarrer angegeben. Dreizehn Jahre später ist es tatsächlich so weit; man wird nicht von einer überstürzten Entscheidung reden wollen.

          Selbstbewusst und strahlend

          Es ist freilich ein Schritt, den immer weniger Männer in Deutschland zu gehen bereit sind. Die ihn tun, treffen auf eine katholische Kirche, der die Auszehrung schon anzusehen ist. Seit einer Dekade fasst man immer mehr Pfarreien zu sogenannten Seelsorgeeinheiten zusammen. Einer sinkenden Priesterzahl - 2010 waren es noch gute 15 000 - steht eine wachsende Laienschar gegenüber, die im pastoralen Dienst tätig ist. Dreihundert Priesterweihen wären nötig, um den Status quo zu halten, um die hundert finden derzeit pro Jahr statt.

          Im Bistum Passau, einer kleinen Diözese mit knapp 500 000 Katholiken - Tendenz auch hier: sinkend -, sind es in diesem Jahr fünf Kandidaten. Kein schlechter Wert, auch im Langzeitvergleich. Der Priestermangel hat es erzwungen, dass Pfarreien zusammengelegt werden. Die Stadt am Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz galt lange als Hort eines tiefschwarzen Katholizismus; ein Image, das als überwunden gelten darf. Selbstbewusst und strahlend liegt sie an diesem Sommerwochenende unter einem Bilderbuchhimmel, Altstadt und Uferpromenaden sind voll mit Touristen. Der barocke Dom St. Stephan ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Zwölf Dutzend Priester und Messdiener ziehen ein, die Reihen der Gottesdienstbesucher sind weltkirchlich bunt in Hautfarbe, Stand und Kleidung. Seidige Trachten, selten getragene Anzüge, Goldkettchen, Karohemden, Sandalen - der Dresscode ist so vielfältig wie jene lärmende Welt, die draußen vor der Tür nicht begreifen will, warum jetzt keine Domführung stattfinden kann. Wir feiern Gottesdienst - dieser Hinweis genügt heute nicht, die Ordner von der Domaufsicht müssen deutlich werden.

          Mit einem gewaltigen Rauschen

          Derweil nehmen die Primizianten vor dem Bischof auf samtrot gepolsterten Schemeln Platz, wo sonst Brautleute sitzen. „Bist du bereit? - Ich bin bereit“: bereit, Priester im Sinn der katholischen Kirche zu sein. „Versprichst du mir und meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam?“ - „Ich verspreche es.“ Sie tun dies „in die Hand hinein“. Bis heute ist die Wendung gebräuchlich, wenn es sich um eine besonders ernst gemeinte Zusage handelt. Nach Evangelium und Predigt beginnt die eigentliche Weihe, sie geschieht durch Handauflegung des Bischofs und Gebet in völliger Stille. Chor und Orgel müssen jetzt schweigen, die Kandidaten liegen flach ausgestreckt auf dem Boden, dazu werden in der Allerheiligenlitanei die Blutzeugen angerufen.

          Warten auf die Ankunft des Primizianten: Empfang am elterlichen Hof
          Warten auf die Ankunft des Primizianten: Empfang am elterlichen Hof : Bild: Philip Lisowski

          Zehn Minuten liegen sie so, den Kopf auf den verschränkten Armen, reglos. In langer Prozession kommen die Geistlichen zur Handauflegung vor den Altar, als Zeichen der Aufnahme in die priesterliche Gemeinschaft. Nach dem Anlegen des Priestergewands und der Handsalbung mit Chrisamöl erhalten die fünf Kelch und Hostienschale. Begleitet wird die Handauflegung allein von der größten Glocke des Doms, der Pummerin. Das ist schon ein gewaltiges Rauschen, das da anhebt und durch den mächtigen Hallraum des Kirchenschiffs braust. Dem gemeinsamen Schlusssegen schließt sich der feierliche Auszug an, in den schon mit Macht die Vorhut der Touristen stößt, die endlich von ihrem Besichtigungsrecht Gebrauch machen wollen. Weide meine Schafe, heißt es im Johannes-Evangelium.

          „Hermann - grüß Gott dahoam!“ steht auf einer Tafel, die im Hoftor hängt. Am Schächnerhof ist Bewegung in die Sache gekommen. Ein Anruf ist eingegangen, die aktuelle Position des Primizianten auf der Autobahn wurde gemeldet. Böllerschüsse rumpeln, Rauchfahnen ziehen ins Blau. Die Szenerie ist voller Gespanntheit, ebenso gut könnte jeden Augenblick eine Armee Napoleons über den Hügel kommen. Stattdessen gleitet ein schwarzes Cabrio über die Kuppe. Das Brautfahrzeug mit Blumenschmuck auf der Motorhaube. „Primiz 2012“ steht auf dem vorderen Nummernschild, auf dem hinteren tatsächlich „Grod g’weiht“. Der Bräutigam steigt freudestrahlend aus. Applaus brandet auf. Die Dorfjugend witzelt bei Begutachtung des Gefährts: „Wo soll bei dem die Anhängerkupplung sein? Der ist ja zu gar nichts zu gebrauchen.“

          Priesterleben ist Opferleben

          Im straßenseitigen Stadel ist eine kleine Kapelle, in der der Primiziant mit seinen frisch gesalbten Händen den Primizsegen spendet. Es ist sehr warm hier drin, und wenn die Tafel links der Türe nicht wäre, würde nichts an das Unglück erinnern, das sich hier vor vier Jahren zutrug. In der Stille einer Spätsommernacht rasten von Schöftenhub her drei fünfzehnjährige Burschen auf dem Moped in ein querendes Reh. Die Rehe kommen nachts gern bis ans Haus, sagt der örtliche Pfarrer, sie holen sich Kirschen und Beeren.

          Im Frühtau nach Arbing: die Prozession zur Feier der ersten Messe
          Im Frühtau nach Arbing: die Prozession zur Feier der ersten Messe : Bild: Philip Lisowski

          So groß war die Wucht des Sturzes, dass zwei der Jugendlichen mitsamt der Maschine durch die geschlossene Kapellentür geschleudert wurden und zu Füßen des Altars ihren Verletzungen erlagen. Den dritten fand Hermann Schächner, als er kurz nach dem Unfall nach Hause kam, noch lebend vor der Tür der Kapelle. Er leistete Erste Hilfe, rief den Notarzt und wurde so zum Lebensretter. Der Gerettete ist bei der Primiz auch dabei. Damals hatte Schächner gesagt, ohne Glauben könne man so ein Unglück nicht bewältigen. Gerade weil solche Unfälle immer wieder geschähen. Wirklich verändert habe ihn die Tragödie nicht, „vor allem für die Eltern ist es immer noch schlimm. In einer solchen Situation gibt dir nur der Glaube Hoffnung.“

          Hermann Schächner ist der erste Pfarrer, den die Gemeinde nach achtundneunzigjähriger Durststrecke hervorbringt. Dementsprechend hochgestimmt ist der Bischöflich Geistliche Rat Ludwig Samereier. Er zitiert aus der Lauretanischen Litanei, in der die Gottesmutter Maria angerufen wird - zu der man sich hier in der Nähe der Schwarzen Madonna von Altötting nach wie vor mit Begeisterung bekennt. „Du Ursache unserer Freude“ wird sie im Gebet genannt, und das gelte heute auch für ihren Verehrer Hermann. Samereier schwitzt in seiner schwarzen Soutane, er strahlt über das ganze Gesicht. Heute gilt der alte Spruch: Priesterleben ist Opferleben. Und das beginnt mit dem Schwitzen bei der Primiz.

          Auf der „Jahrhundertfeier“

          Die Mutter des Primizianten ist vor Freude so überwältigt, dass sie kaum einen Satz herausbringt. Überhaupt ist Begeisterung der vorherrschende Zustand dieses Wochenendes, auf das die Dörfler seit dem Frühjahr hingearbeitet haben. So ist die Primiz nebenbei zu einem Konjunkturprogramm geworden, mit dem man das Dorf auf Vordermann gebracht hat. Und sie ist ein Treffen weitgestreuter Familien und Freundeskreise, die sich - mit Ausnahme der Jugend - nicht auf Facebook, sondern nur bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen oder eben bei einer Primiz treffen. Viele Hände werden geschüttelt, der „schöne Gruß daheim“ hat noch Nachrichtenwert. Auch das alte Dankeswort „Vergelt’s Gott“ wird oft und mit Selbstverständlichkeit ausgesprochen.

          Geschenk der Gemeinde: Hermann Schüchner freut sich über die Stola
          Geschenk der Gemeinde: Hermann Schüchner freut sich über die Stola : Bild: Philip Lisowski

          Was ist aus dem Zusammenhalt auf dem Land geworden? Als Mitglied des Festkomitees hat der Neupriester erlebt, dass bei vielen Freiwilligen erst in der Vorbereitung ein Gefühl dafür entstanden sei, man könne zusammen mehr erreichen. Denn die vielbeschworene Volksfrömmigkeit hat auch im Holzland Konkurrenz von weltlichen Freizeitangeboten bekommen. Der Geburtsort von Papst Benedikt XVI., Marktl am Inn, liegt um die Ecke. Das bringt zwar Touristen, aber nicht zwingend eine Belebung des christlichen Lebens. Pfarrer Samereier sagt diplomatisch, mit der Rekatholisierung sei es jedenfalls nicht rasend vorwärtsgegangen. Man habe sich womöglich zu viel Hoffnung gemacht, was die Strahlkraft des Papstes angeht.

          Am Sonntagmorgen beginnt mit einem Festzug der Auftakt zu eigentlichen Primiz, der prima missa, der ersten Messfeier des neuen Priesters. Die örtliche Presse wird sie zu Recht als „Jahrhundertfeier“ beschreiben. Ein temporärer Altar, bekränzt von vierundzwanzig weißen und sechsundzwanzig gelben Glühbirnen mit einem aufwendig bemalten Altartisch nebst Ambo, steht in der Ortsmitte zwischen Wirtshaus und Kirche. Der Pfarrhof ist renoviert, das Gotteshaus gestrichen, ein Festzelt für 1100 Gäste aufgebaut, Bierbänke für 1500 Gottesdienstbesucher stehen bereit, Parkplätze sind ausgewiesen, Fensterbänke geschmückt, Buchsbaumgebinde, Fahnen und Bänder allüberall. Der Chorgesang ist einstudiert, Rosenkränze wurden geknüpft, eine Festschrift gedruckt, Sketche eingeübt.

          Lauter Rekordzahlen

          Der Zug vom Schächnerhof in den Vierhundert-Seelen-Ort Arbing hat mehrere Hundert Teilnehmer. Vierzig Vereine sind dabei, Schützen, Marianische Männerkongregation, Landfrauenbund, Rotes Kreuz, Feuerwehr, Burschenschafter aus Rom. Der Primiziant fährt mit Eltern und einem Mädchen, das die Rolle der Primizbraut übernommen hat, in einer Kutsche. An diesem Tag soll alles stimmen, weswegen der Kapellmeister der Arbinger Blasmusik seinen Trommler anraunzt, gefälligst die Sonnenbrille abzunehmen, weil er der Einzige sei. Aber der verweigert den Befehl.

          Nach achtundneunzig Jahren der erste Pfarrer aus der Gemeinde, da war es Zeit für eine Jahrhundertfeier: Dreitausend hochgestimmte Besucher erleben die Primizfeier
          Nach achtundneunzig Jahren der erste Pfarrer aus der Gemeinde, da war es Zeit für eine Jahrhundertfeier: Dreitausend hochgestimmte Besucher erleben die Primizfeier : Bild: Philip Lisowski

          Sechs Dutzend Geistliche und Ministranten feiern den Gottesdienst. In der Predigt wird an Jean-Marie Baptiste Vianney, den Pfarrer von Ars, und an sein berühmtestes Diktum erinnert. Den Satz, den er einem Hirtenjungen im Wald sagte: „Du hast mir den Weg nach Ars gezeigt, ich werde dir den Weg in den Himmel zeigen.“ Der Prediger verweist auf das Privileg der Freundschaft Gottes, dem man „Du“ sagen dürfe. Das muss freilich auf dem Land nicht betont werden. Eine Attraktion ist der Taubenauflass: Zwei Dutzend weiße Tauben werden freigelassen, sie steigen auf, drehen ruckelnd mehrere Orientierungsrunden über dem Ort - weiß-grau gewendetes Licht, eine Schleife zum Kirchturm von St. Georg. Wind kommt auf, Schleierwolken schieben sich über die Szene. „Ein solches Gefühl gibt ein Computer nicht“, sagt der Primiziant hinterher.

          Die 2300 Miniatur-Rosenkränze, die den Gästen ans Revers geheftet werden, reichen bei weitem nicht aus, auch die Sitzplätze nicht. Dreitausend Besucher sind gekommen. Das ist nicht die einzige Rekordzahl: Zweitausend Schnapsfläschchen mit Porträt des Primizianten werden im Festzelt verkauft, die Freiwillige Feuerwehr verteilt zweieinhalbtausend Flaschen Mineralwasser. Das hilft, das Rote Kreuz bleibt arbeitslos. So eine Primiz, da sind sich alle einig, hat man selten erlebt.

          Eine andere Deutung von Kapital

          Hat man am Ende nicht zu viel des Guten getan, überinszeniert? Passt das zum „Opferleben“? Keinesfalls, sagt Hermann Schächner ein paar Tage später. Er habe die Feier als „beeindruckend und emotional“ erlebt. Über manches Weltliche wie das Brautauto müsse man hinwegsehen, das sei Teil des Brauchtums. Er habe seinen Cousin bei dessen Hochzeit chauffiert, und nun habe der sich revanchiert. Und die Blumenkrone auf der Motorhaube könne man als Symbol dafür nehmen, dass der Priester die Krone des Himmels erlangen soll. Bald sein halbes Leben hat er sich nun auf seine Aufgabe vorbereitet. Der Glaube sei ihm immer schon wichtig gewesen. Geborgen und gebraucht fühle er sich in der Kirche, im Dienst Gottes. Die Berufung sei nach und nach von außen gekommen.

          Nach der Hauptschule beginnt er als Spätberufener die Ausbildung zum Priesteramtskandidaten. Er holt das Abitur nach, studiert im Seminar St. Mathias nahe Wolfratshausen. Für ein Jahr kehrt er zurück auf den heimatlichen Hof, arbeitet in der Landwirtschaft. 2005 tritt er ins Passauer Priesterseminar ein, 2008 verbringt er ein Jahr in Rom, danach beschließt er das Studium in Regensburg. Es folgt ein Pastoraljahr in einer kleinen Gemeinde im Landkreis Passau.

          Besonders in jenem römischen Jahr sei der Wunsch gewachsen, „den kompletten Schritt zum Priester zu tun“. Dort habe er gelernt, „dass Christus bei allen Völkern der Erde bekannt ist. Und dass sich die Gewichte der Kirche auf die ganze Welt verteilen.“ Das sei in Deutschland viel zu wenig im Blick, in dieser „Jammerkirche, in der viele auf Fertigrezepte warten“, sagt Schächner. Wie hatte der Bischof in seiner Predigt gesagt: „Als Menschenfischer soll ihr Menschen aus der Finsternis der Welt ins Licht Gottes ziehen?“ Und weiter: Das Kapital des Priesters bestehe in der Liebe zu Gott und zur Gottesmutter. So eine Deutung von Kapital wirkt in unserer Kapitalmarktzeit wie eine Herausforderung.

          Die Gefahr, zum Pastoralmanager zu werden

          In ihrer Ansprache hatte die Grundschullehrerin Hermann Schächner ins Stammbuch geschrieben, er solle die Kirche vorwärtsbringen: „Lass Frauen in der Kirche was gelten!“ Frauen seien nicht nur zum Blumenbinden da. Schächner findet das gar nicht so lustig: Erstens, weil er Blumenschmuck nicht als Beiwerk geringschätzt, und zweitens, weil er die Liberalisierungserwartungen nicht mag, die sich heute automatisch mit jungen Priestern verbinden - bis hin zum Frauenpriestertum. Das sei für ihn jedenfalls zu viel Auftrag auf einmal. „Für mich ist jetzt ist eine tolle Zeit des Anfangs. Die Menschen erzählen mir Dinge, die sie nur mir anvertrauen.“ Auch seine erste Krankensalbung hat er vollzogen; ein paar Tage später sei der Mann gestorben. „Gut, dass ich gleich hingefahren bin.“

          Im Herbst zieht Hermann Schächner in den Bayerischen Wald. Seine erste Stelle als Kaplan wird er in Grafenau antreten. Das hat ihm der Bischof beim Mittagessen in Passau verkündet. Er weiß, dass er Erfahrungen sammeln muss, aber er ahnt auch die Gefahr, dass ihn Vereinskatholizismus und Priestermangel zum Pastoralmanager machen könnten. Die Kernaufgabe, die Seelsorge, wird er sich erkämpfen müssen. Gott sei Dank hat ihn bei seiner Primiz ausnahmsweise keiner gefragt, wie man in dieser Zeit noch Priester werden könne. Üblicherweise beantwortet er das so: „Die Frage hätte sich Jesus genauso gut stellen können.“

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