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Pressefreiheit : Brüsseler Jagdszenen

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In Polizeibegleitung: Tillack (links) bei der Durchsuchung seines Brüsseler Büros Bild: REUTERS

Die Brüsseler Polizei hat am Freitag Wohnung und Büro des EU-Korrespondenten der Zeitschrift "Stern", Hans-Werner Tillack, durchsucht. Sie führte den Journalisten ab, er wurde mehrere Stunden lang verhört.

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          Fünf Polizisten standen Freitag morgen um zehn Minuten nach sieben Uhr in Brüssel mit einem Durchsuchungsbefehl der Staatsanwaltschaft vor der Wohnung des EU-Korrespondenten der Zeitschrift „Stern“, Hans-Martin Tillack. Sie durchsuchten seine Räume, fuhren mit ihm in sein Büro und führten den Journalisten anschließend in den Justizpalast ab, wo er mehrere Stunden lang verhört wurde.

          Kontakt zu seiner Anwältin oder zu seiner Redaktion konnte er währtend dieser Zeit nicht aufnehmen. Am frühen Nachmittag wollte die Staatsanwaltschaft einen Schrank in seinem Büro gewaltsam aufbrechen. Was ihm genau vorgeworfen werde, konnte Tillack zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, er berief sich in den Verhören auf den Quellenschutz. “Ich bin vollkommen schockiert, ich habe mir nie vorstellen können, daß so etwas möglich wäre“, sagte Tillack der F.A.Z. im Gespräch.

          Gegen siebzehn Uhr wurde er aus dem Gewahrsam der Polizei entlassen. Sein Büro aber wurde in der Zwischenzeit vollständig leergeräumt, sämtliche Unterlagen, derer sie habhaft wurde, nahm die Polizei mit. Computer, Kontoauszüge und Handys wurden beschlagnahmt.

          „Massiver Anschlag auf die Pressefreiheit“

          Dies sei, sagte der Chefredakteur des “Stern“, Thomas Osterkorn, „ein massiver Anschlag auf die Pressefreiheit“. Die Ermittlungen gegen den Korrespondenten Tillack erfolgten aufgrund einer Geschichte, die das Magazin am 28. Februar 2002 veröffentlicht hatte. Damals ging es um ein brisantes Dossier, das schwere Mißstände in der Brüsseler Politik und Verwaltung auflistete.

          Die EU-Betrugsbekämpfungsbehörde „Olaf“ hatte dem „Stern“ hernach vorgeworfen, für den Erhalt der entsprechenden Dokumente Schmiergeld bezahlt zu haben. Dies wies der „Stern“ damals wie heute als “unbewiesenes Gerücht“ zurück. „Nicht einen Cent“ habe man für irgendwelche Informationen gezahlt, sagt der „Stern“-Chefredakteur Osterkorn. „Daß ich jemals Geld für Informationen bezahlt habe, ist eindeutig falsch und druch nichts belegt“, sagt Hans-Martin Tillack.

          Der Europäische Bürgerbeauftragte, Nikiforos Diamandouros, hatte sich im November des letzten Jahres auf die Seite des „Stern“-Reporters gestellt und das Betrugsbekämpfungsamt „Olaf“ kritisiert, weil es die Bestechungsvorwürfe gegen das Magazin erhoben, aber nicht bewiesen und auch nicht zurückgenommen hatte. Der Vorwurf von Bestechung dürfe öffentlich nur erhoben werden, so der Bürgerbeauftragte, wenn es dafür nachprüfbare Gründe gebe. Diese stünden aus. Zuletzt hatten „Stern“ und das Fernsehmagazin „Stern TV“ noch in dieser Woche über offenbar unrechtmäßig zustande gekommene Sitzungsgelder von EU-Abgeordneten berichtet.

          Letzte Chance für einen Zugriff

          Die jetzige Aktion der Staatsanwaltschaft fußt jedoch auf einer Anzeige der Behörde „Olaf“ in der zwei Jahre zurückliegenden Angelegenheit. Da Tillack Brüssel Ende des Monats als Korrespondent ganz verläßt, gehen Beobachter davon aus, daß die Behörden nun die letzte Chance gesehen haben, Zugriff auf ihn und sein Material zu nehmen. Zudem sollten mit der Aktion Informanten, die über brisante Informationen über die EU verfügen, generell eingeschüchtert und davon abgehalten werden, sich Journalisten gegenüber zu offenbaren.

          Die sei der Versuch, „kritische Berichterstatter mundtot zu machen“, teilte der „Stern“ mit und forderte die sofortige Rückgabe aller beschlagnahmten Gegenstände. Der Vorsitzende des Vereins des Auslandspresse (API), Enrico Brivio, sagte: „In dieser durch die terrroristischen Anschläge ohnehin gereizten Stimmung darf es nicht dazu kommen, daß unter fadenscheinigen Vorwänden die berufliche Freiheit und der Quellenschutz von Journalisten eingeschränkt werden.“

          Die für den 1. April geplante Rückkehr des Korrespondenten von Brüssel in die Redaktion nach Hamburg setzte der „Stern“ am Abend übrigens aus. Hans-Martin Tillack, teilte der Chefredakteur Thomas Osterkorn mit, „bleibt nun bis auf weiteres in Brüssel.“

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