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Preiskultur : Über die Inflation des Literatur-Lorbeers

  • -Aktualisiert am

Georg Büchner ist der Namenspatron des Klassikers unter den deutschen Literaturpreisen Bild: dpa

Literaturpreise haben Konjunktur, doch neue Auszeichnungen müssen sich ihr Publikum erst erobern. Das gelingt nicht immer.

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          Akademien und Volkshochschulen, Firmen und Stiftungen. Viele mischen mit im Geschäft mit dem literarischen Ruhm in Deutschland - oder sie versuchen es zumindest. Denn mittlerweile werden Preise und Stipendien in einem Tempo verteilt, das nur noch schwer zu überblicken ist.

          Fast 800 Preise sollen es nach letzten Schätzungen sein, Tendenz gemächlich steigend. Mindestens zwei Preise werden demnach in Deutschland täglich vergeben. Ruhm sollen sie den Geehrten bringen, aber auch den Laudatoren. Und wem das Medienecho dabei zu schwach ist, hilft sich selbst: Kürschners Deutscher Literatur-Kalender zählte für das Jahr 2000 bereits 156 Literaturpreise mit eigener Homepage.

          Drittelpreisträger

          Wohin treibt die Preisflut den Literaturmarkt? Eine eher magere öffentliche Resonanz stellt viele Auszeichnungen literarischer Leistungen der Beliebigkeit anheim; prämierte Autoren kommen mit 5.000 Mark Preisgeld nicht sonderlich weit. Und Auszeichnungen, die vom Publikum nicht wahrgenommen werden, lassen die Auflagenzahlen kaum steigen.

          Eine Ausnahme sind sicherlich die ganz großen Literaturpreise, allen voran der Büchner-Preis, 1951 mit 3.000 Mark eingerichtet, heute dotiert mit 60.000 Mark. Fast hätte ihm der Joseph-Breitbach-Preis, der seit den 90er Jahren vergeben wird, den Rang abgelaufen: 255.000 Mark stehen für die neue Auszeichnung, die von der Mainzer Akademie für Sprache und Wissenschaft vergeben wird, pro Jahr zur Verfügung.

          Doch der Trend geht offenbar zur kleinen Lösung: Statt mit einem Paukenschlag der Öffentlichkeit einen neuen Literaturpreis zu präsentierten, wird das Breitbach-Preisgeld brav gedrittelt. So kriegt zwar jeder Autor mehr als der Büchner-Preisträger. Aber ein Drittelgewinner bleibt er trotzdem, und so was merkt sich kaum jemand - das tragische Los des Gießkannen-Modells. Wirklich berühmt wird ein Schriftsteller jedenfalls durch keinen der beiden Preise. Dabei geht es auch anders.

          Ruhm und Millionen

          Deutschlands Mittelmaß macht sich besonders im europäischen Vergleich bemerkbar: Das Preisgeld des „Prix Goncourt“ mag mit umgerechnet 15 Mark vielleicht nicht mal für eine gute Flasche Wein ausreichen. Dafür hat die Auszeichnung aber einer derartige öffentliche Präsenz, dass für die Gewinner der ökonomische Erfolg schon als garantiert gilt.

          Und gegen die monströsen Preisgelder Spaniens, wo der „Planeta“ seinem Gewinner mittlerweile fast 1,2 Millionen Mark einbringt, könnte der Breitbach-Preis selbst dann nicht an, wenn er denn komplett vergeben würde. Dass die Spanier ihren Preis als Vorschuss auf Autorentantiemen verstehen, macht dabei deutlich, welche Marktchancen den Preisträgern eingeräumt werden.

          Büchner und sein Herausgeber

          Und Deutschland? Man klagt. Christian Meier, der Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, unkte schon vor drei Jahren über die Würdigungsflut: Auf die „vielerorts sprießenden Preise“ schielte er damals mit gerümpfter Nase - bei einigen wäre das Geld doch besser angelegt gewesen. Für den Büchner-Preis, den die Akademie selbst vergibt, gilt das natürlich nicht.

          Dabei stehen am anderen Ende der Preisgeldskala Auszeichnungen wie der Weidig-Literaturpreis (100 Mark), der immerhin dem Namenspatron nach viel mit dem Büchner-Preis zu tun hat: Der Lateinlehrer Friedrich Ludwig Weidig (1791 - 1837) war Herausgeber einer überarbeiteten Fassung von Georg Büchners (1813 - 1837) „Der Hessische Landbote“.

          Literaturshow

          Aus der Masse heben sich zur Zeit neben den Klassikern jedoch vor allem solche Preise heraus, die junge und populäre Gattungen auszeichnen: Sei es der für Kriminalliteratur verliehene „Glauser“, den am 19. Mai dieses Jahres der Schriftsteller Horst Eckert im Rahmen der „Criminale 2001“ erhält. Oder der auf dem Erlanger Comic-Salon vergebene „Max und Moritz-Preis“. Doch das sind Preise für literarische Formen, deren Entwicklung ein eingespieltes Publikum verfolgt.

          Neue Literaturpreise, die Akzente setzen wollen, müssten sich solche Aufmerksamkeit beim großen Publikum verschaffen. Die letzten Anläufe dazu sind aber kläglich gescheitert.

          So platzte der auf populäre Unterhaltungsliteratur geeichte Romanpreis 2000 des Bertelsmann-Buchclubs mit 250.000 Mark Preisgeld: Die eingereichten Manuskripte waren so schlecht, dass die Jury das Geld lieber in Seminare für junge Autoren steckte - literarische Nachwuchsförderung auf Umwegen.

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