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Praktische Romantik : Die Wahrheit des Weihnachtsmanns

So sieht er aus, wenn es nach Moritz von Schwind geht: Herr Winter, Holzstich von 1847 Bild: akg-images

Migrationsgeschichte einer Legende: Das schönste Sachbuch des Jahres stammt von dem Ethnologen Thomas Hauschild und weiß alles über den heiligen Nikolaus und seine weltweiten Artverwandten.

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          Nein, er ist keine Erfindung von Coca-Cola. Die haben ihn nur 1931 erfolgreich für ihre Reklame abgezweigt. Und nein, er steht auch nicht in Gegensatz zum heiligen Nikolaus oder zum Christkind. Es ist also nicht unchristlich, wenn Sie Zweifel Ihrer Kinder an der Existenz des Weihnachtsmanns ausräumen, solang das eben geht. Gewiss, die könnten fragen, warum dem kleinen Jesus am 6. Januar die Geschenke von den Heiligen Drei Königen gebracht werden. Oder ob der Weihnachtsmann einer von diesen Königen ist und welcher. Oder danach, ob er und das Christkind die Chefs vom Nikolaus oder mit ihm verwandt sind. Alles sehr berechtigte Fragen, alle letztlich unbeantwortbar, denn in dem Maße, in dem die Legende lebt, ist sie nicht logisch, weshalb alle diese Fragen zum Glück nicht entscheidend sind, denn das Glück ist auch nicht logisch.

          Was man über den Weihnachtsmann wissen kann und was an ihm entscheidend ist, das lässt sich jetzt in einem klugen, so nachdenklichen wie bezaubernden Buch nachlesen. Der in Halle lehrende Ethnologe Thomas Hauschild hat es pünktlich zur Adventszeit vorgelegt (“Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte.“ S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 384 S., geb., 19,99 [Euro]). Man möchte seinen Erzählungen endlos zuhören.

          Waldschrat und Anti-Nikolaus

          Hauschild kennt sich aus in Legenden, er hat fast zwanzig Jahre lang über und bei Bauern in der Basilicata - gewissermaßen am Fußknöchel Italiens - geforscht, in einer inzwischen untergegangenen Welt, in der Armut, harte Arbeit, Furcht, Magie und Heiligengeschichten den Lebenshorizont bestimmten. Sein letztes Buch handelte von Vogelmenschen und Schamanen. Eine gute Vorbereitung auf den Herrn im Rentierschlitten.

          Dieser wird prominent im neunzehnten Jahrhundert, nachdem schon lange vorher in den Winterbräuchen Europas eine geschenkebringende, kinderermahnende Figur samt dunkler Begleitung (Knecht Ruprecht, Kohlenpitter, Pelzmunk, Krampus) aufgetreten war. Der „Herr Winter“ wird mit Tannenbaum auf dem Rücken gezeichnet. In den Vereinigten Staaten setzt sich zur selben Zeit „Santa Claus“ durch, dort eher eine Art Waldschrat im „one horse (oder: reindeer) open sleigh“, wie seit 1857 zum Lob des Schlittenfahrens gesungen wird.

          Im „Struwwelpeter“ erscheint ein Rassismus rächender Nikolaus

          Kurz darauf schreibt Theodor Storm „Von drauß’ vom Walde komm ich her“, meint aber Knecht Ruprecht, der auch schon 1848 in Robert Schumanns „Album für die Jugend“ verzeichnet ist: Der Weihnachtsmann und die Seinen sind ein Fall praktischer Romantik. Den Anti-Nikolaus schlechthin hatte Charles Dickens fünf Jahre zuvor in seiner Weihnachtsgeschichte auftreten lassen: den geschenke- und bräucheverachtenden Scrooge.

          Die Pointe des Buches von Hauschild liegt jedoch nicht in Herkunftsnachweisen, sondern darin, die unglaubliche Variationsbreite der Legende in Raum und Zeit zu zeigen. Das Christentum brauchte weder das Weihnachtsfest und die Adventszeit, die es drei Jahrhunderte lang gar nicht kannte, noch St. Nikolaus. Der byzantinische Bischof Nikolaus aus Myra wiederum - heute liegt dort das türkische Demre - ist im Mittelalter zu einer Art Klassenbesten aller Heiligen aufgestiegen.

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